YFU Switzerland

Ein ganz normaler Tag

Da wir in einem kleinen Dorf ausserhalb von Port-Elizabeth leben und wir sozusagen jeden Tag in die Stadt müssen, ist  früh aufstehen angesagt, dass wir spätestens um sieben das Haus verlassen können. Zwei, drei Kurven nachdem wir aus dem Tor gefahren sind und schon sind wir auf der Hauptstrasse nach Port-Elizabeth, wo unsere und auch noch viele andere Schulen, umringt von einem Zaun stehen. Auf dem Weg dorthin fahren wir die meiste Zeit am Meer entlang, wo man den Hafen, die Schiffe draussen auf dem Meer, die brechenden Wellen und die Unendlichkeit des Ozeans bestaunen kann.

Mein Gast-Vater ist sehr gesprächig, so wird auf den Autofahrten oft geredet, manchmal aber auch nur gelesen oder einfach Musik gehört. Falls ein wichtiger Test ansteht, kann es auch gut sein, dass unser Gehirn schon vor der Schule auf Hochtouren arbeiten muss. J

Nach einer Weile sieht man die Stadt vor einem auftauchen, mit ihren Hoch- und dicht aneinander gebauten Wohnhäusern und Hotels, so nahe beim Meer wie möglich. Wenn es windstill ist (was relativ selten ist 😉 )kann man sogar das Ausmass der Luftverschmutzung erkennen, dann schwebt nämlich wörtlich eine gräuliche Wolke über der Stadt, was irgendwie traurig ist, wenn man es schon mit blossem Auge erkennt. Nichtsdestotrotz ist es eine schöne und mit über einer Million Einwohner die viert grösste Stadt in Südafrika.

Sobald man in die Stadt hineinfährt und bei der ersten Ampel anhält, sieht man Leute um die Autos streunen. Sie versuchen die verschiedensten Sachen zu verkaufen, meistens nur Krimskrams. Doch auch Kinder sind manchmal dabei. Manche verkaufen Zeitungen und andere auch nur meist nutzlose Dinge… Manchmal sind auch Stände an den Strassenrändern aufgestellt, wo grössere Sachen verkauft werden, so wie Spiegel, Orangen und Kartoffeln in Säcken, Flaggen… Wie ich gehört habe, brauchen die meisten dieser Leute das verdiente Geld auf eine nicht so gute Weise. Suchtmittel sind nämlich auch in Südafrika ein Thema.

Doch auch wir, die YFU Exchange-Students von Port-Elizabeth haben gebettelt, doch das aus einem guten Grund. Unsere Cape-Town Tour. Nicht alle von uns können sich dieses nicht ganz billige Vergnügen leisten, doch da wir niemanden von unserer kleinen, einzigartigen, wunderbaren Gruppe, bestehend aus Studenten aus Chile, Mexico, Brasilien,  Norwegen, Deutschland, Österreich und natürlich der Schweiz, zurücklassen wollen, haben wir uns alle die Zeit (19-20 okt) genommen für ein Sleep-over mit einem leckeren Braai und gemütlichem Beisammensein bei einem sehr gastfreundlichen YFU-Volunteer, um uns dann auf die Socken zu machen, um in geschäftigen Kreuzungen unser Glück zu versuchen. Im „schönsten“ Wetter, das uns schon nach ein paar Minütchen bis auf die Haut durchnässt hatte, liefen wir mit lustigen Klamotten und Schildern um den Hals gehängt, um so viele Blicke wie möglich auf uns zu ziehen, zwischen den haltenden und bei Grün wieder fahrenden Autos hin und her, um mit einem Becher, der eigentlich nicht zum trinken da war, doch trotzdem langsam mit Wasser gefüllt wurde so viel Geld wie möglich zu verdienen. Nach zwei Stunden wurden wir pflotschnass aber erfolgreich wieder abgeholt. Sogar unerwartet erfolgreich, denn wir haben mehr Geld im Regen erbettelt als gedacht, nur wegen der richtigen Einstellung und gutherzigen Autofahrern.

In der Schule angekommen, steigen ich und meine Gast-Schwester aus dem Auto, damit unser Vater zu seiner Arbeit im Waffenladen weiterfahren kann. Manchmal müssen wir zuerst noch den Kofferraum öffnen, um Plastiksäcke mit recyclebaren Sachen, wie Papier zu entnehmen, um sie dann in einem der Klassenräume zu deponieren, denn hier ist recycling nicht wirklich ein Thema und wird deshalb in der Gesellschaft leider nicht so eifrig ausgeführt, weshalb wir ein paar der wenigen sind…

Wenn wir nicht gerade recyceln, führt uns unser Weg direkt zur Schulbibliothek, wo wir unsere Freunde treffen, (manchmal noch schnell die Hausaufgaben erledigt werden) und auch die Pausen verbringen. Nachdem die Glocke geläutet hat, machen wir uns alle auf in unsere Klassenzimmer, wo wir als Klasse miteinander beten und je nach Wochentag auch eine Lesestunde haben. Es gab einmal einen grossen Putztag, an dem wir mit Schleifpapier die vollgeschriebenen Einzelholzbänke mit mühsamer Handarbeit sauber machen mussten, das hat gestaubt sag ich euch J.

Während dem Tag müssen wir immer wieder das Zimmer wechseln, was am Anfang nicht gerade einfach war, da sich sehr viele Räume nebeneinander in den zwei Stockwerken der Schule befinden, obwohl es mit zwei langen Gängen eigentlich recht simpel aufgebaut ist und ich mich dann schon bald alleine zurecht finden konnte.

Um zwei Uhr herum läutet die Schulglocke und die meisten Kinder werden auf dem Parkplatz von ihren Eltern abgeholt. Manche bleiben noch um Sport zu treiben. Hockey, Netzball, Kricket, Tennis oder natürlich  Rugby, der südafrikanische Nationalsport. Meistens bleiben auch wir in der Schule, um zu warten, bis mein Gastvater mit seiner Arbeit fertig ist, um uns dann mit sich nach Hause zu nehmen. Diese Wartezeit kann aber sinnvoll genutzt werden. Sei es lesen oder lernen und am Montag sogar zeichnen oder malen, in der Kunstklasse in der ich und meine Schwester teilnehmen.

Auf dem nach Hauseweg gibt es lustige Sachen zu entdecken, denn es gibt wirklich Leute, die neben einem „Autostopp-Verboten“ -Schild Autostopp versuchen. Da es sogar rote Linien an den Strassenrändern hat, die Autofahrer eigentlich gesetzlich davon abhalten, dort überhaupt anzuhalten, frage ich mich, was sie machen, wenn sie niemand mitnimmt…

Ich kann nur hoffen, dass sie bei dem Regen im Moment einen trockenen Schlafplatz gefunden haben, denn im Moment stehen sogar schon fast die Häuser in meinem Dörflein Unterwasser. Doch mir wurde gesagt, dass viel Regen einen guten Sommer bedeutet J und dass kann ja nicht mehr lange dauern.

Es hat aber schon schöne Sommertage gegeben. An einem Anfang Oktober war ich sogar schon im Meer baden, nach mehr als acht Jahren. Mit meinen neuen Schwestern, dem Freund der Älteren und dessen Kolleg. Da habe ich das erste Mal wieder pures salziges Meerwasser in meinem Mund und meinen Augen gespürt, bin von Wellen überrollt worden, habe mit einem Ball mit den Knaben zwischen Wellen gespielt und bin geschwommen. Hoffentlich wird es noch viele solcher sonniger Strandtage geben.

Viele Grüsse von der auf den richtigen Sommer wartenden Saskia