YFU Switzerland

YFU Tschechien Skilager

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Am 29. Januar 2018 habe ich mich auf den Weg nach Tschechien gemacht. Meine gute Kollegin Kamila, die ich schon von anderen YFU Treffen her kannte, hat mich am Flughafen abgeholt. Was auch gut so war. Denn schon im Bus und in der U-Bahn wurde mir schlagartig bewusst, dass ich in einer anderen Welt bin. Wir Schweizerinnen und Schweizer denken häufig, wir seien sehr sprachbegabt wegen unserer vier Landessprachen. Aber in diesem Fall wurde mir schlaghaft bewusst, dass ich die tschechische Sprache nicht einmal ansatzweise verstehen kann. Schon alleine die Namen der Bushaltestellen konnte ich bei den Durchsagen nicht dem Schriftbild zuordnen, geschweige denn sie selber aussprechen. Durchsagen verstehen war auch absolut unmöglich – eine Situation, vor der ich schon länger nicht mehr stand. Mit meinen Kenntnissen in Deutsch, Englisch, Französisch, Latein und Grundkenntnissen Italienisch konnte ich bisher häufig bei neuen Sprachen einige Worte erschliessen und den groben Inhalt verstehen, aber hier: nichts, nada, niente. Kein Vorwissen und keine Chance, alleine etwas zu verstehen.
 
Am folgenden Tag sind Kamila und ich ins YFU Büro in Prag und die Austauschschüler kamen nach und nach. Mit einigen von ihnen sind wir mit dem Auto zu unserem Lagerhaus gefahren, die anderen kamen mit dem Zug. Das Haus war in Luka nad Jihlavou, ein kleines Dorf in Zentraltschechien, in der Nähe von Jihlava, aber ansonsten so ziemlich im Nirgendwo. Das Dorf hat einen Skilift und eine Skipiste – theoretisch wäre das Lager ja ein Skilager gewesen. Aber mangels Schnee aufgrund von Temperaturen deutlich über dem Gefrierpunkt konnten wir leider nicht Ski fahren gehen. Ich als Schweizerin empfand das auch nicht als einen grossen Verlust, der Skilift war für meine Verhältnisse auf einem Mini-Hügel. Aber für die Austauschschüler war es sicherlich schade – für einige war das vielleicht die einzige Möglichkeit, jemals im Leben Ski zu fahren. Aber daran konnte man nichts ändern.
Der Ablauf des Lagers hat sich somit auch grundlegend verändert. Am Dienstag war nur die Anreise, am Mittwoch hatten wir den ganzen Tag die Orientierung – Lektionen im non-formellen Unterrichtsstil, am Donnerstagmorgen hatten wir ebenfalls noch eine Orientierung und am Nachmittag gab es einen Ausflug nach Jihlava ins Hallenbad und am Freitag einen Ausflug nach Jihlava, wo die Austauschschüler/-innen ein Video drehen mussten. Am Samstag war noch aufräumen und nach Hause fahren.
 
Von der Orientierung habe ich einiges gelernt: zum einen, wie andere YFU Organisationen ihre Orientierungen abhalten – anderer Inhalt, andere Sprache, anderer Stil. Am interessantesten fand ich, wie gut die Sessions am Englisch liefen. Meine Unterrichtserfahrung bis dahin war auf Deutsch immer so, dass einige Leute mitmachen konnten und andere spracheshalber nicht – meistens sind das in der Schweiz die Asiatischen Austauschschüler/-innen. Selbstverständlich nicht ausschliesslich, aber häufig, da sie zum einen fast nie Deutsch-Vorkenntnisse vor dem Austauschjahr erlernen und zum anderen eine schwierigere Ausgangslage haben als Leute mit indogermanischen Muttersprachen. Auf jeden Fall war das in dieser Orientierung überhaupt nicht der Fall – eine Thailänderin war sogar die aktivste in der Gruppe! Das hat mich persönlich sehr beeindruckt und zum Überdenken unserer eigenen Orientierungen in der Schweiz angeregt. Die Orientierung wurde allerdings direkt von einem Blatt aus ausgeführt, während wir in der Schweiz noch ein Training haben, wie man jetzt spezifisch die Sessions führen sollte. Das finde ich kritisch, ich denke nicht, dass alle und vor allem neue Freiwilligen direkt ohne Übung oder Training gute Sessions halten können. Ich hatte allerdings auch nicht die Möglichkeit das direkt zu beobachten, denn ich habe mit einer sehr erfahrenen Person geleitet.
 
Die Ausflüge nach Jihlava waren für mich sehr interessant – zu einen, wie es ist, in einem ländlichen Teil in Tschechien zu sein, zum anderen sind solche Ausflüge bei YFU in der Schweiz nicht alltäglich. Zum ersten Punkt: Ich fand vor allem die Züge sehr beeindruckend. In der Schweiz sind die Züge ja fast eine nationale Institution – ihre Pünktlichkeit wird vorausgesetzt und Modernität ist auch ein Anspruch. Der Zug in Tschechien war ganz anders: der Bahnhof in Luka nad Jihlavou sowie der in Jihlava waren beide sehr wenig ausgebaut und die Gleise mussten zu Fuss überschritten werden, um zum Zug zu gelangen. Gleichzeitig war es ein altes Zugmodell, das nur bedingt schnell fahren konnte und die Schienen eher holprig. Dafür fuhr der Zug durch schöne Gegenden mit viel Natur, aber andererseits auch leerstehenden Fabriken. Für mich als Geschichtsstudentin sehr interessant, die Überreste der Industrialisierung zu sehen. Die Ausflüge an sich waren auch bereichernd, denn zum einen konnte ich so wirklich ein Teil Tschechiens sehen, den ich sonst einfach verpasst hätte. Wie es so ist, an der Kasse zu stehen, nichts zu verstehen und auf eine Anzeige zu hoffen, wo man den Preis ablesen konnte – in Tschechischen Kronen wohlbemerkt und wie viel die umgerechnet wert sind, ist auch eine Frage für sich. Andererseits zeigte mir der Ausflug am Freitag auch auf, wie fest wir unsere Austauschschüler/-innen in unseren Lagern kontrollieren, bzw. wie wenig Freiraum wir ihnen geben. In Jihlava erhielten die Austauschschüler/-innen in Gruppen den Auftrag, ein Video zum Thema „Monsters in Jihlava“ zu drehen und hatten dafür den halben Morgen und den halben Nachmittag Zeit. Und das war es. Wir Freiwilligen haben uns dann anderweitig beschäftigt und die Austauschschüler/-innen haben wirklich super Filme gedreht. Und es hat alles gut geklappt. Das war so eine Lektion für mich, vielleicht sollten wir den Schüler/-innen mehr Vertrauen schenken und mehr Freiräume geben.
 
Meine Teilnahme am Lager in Tschechien hat mir persönlich sehr viel gebracht. Es hat mich wieder in eine Situation versetzt, in der ich nichts von der Sprache verstanden habe und ich denke, das ist von Zeit zu Zeit eine gute Erfahrung und relativiert die eigenen Fähigkeiten. Auch hat es meine Neugierde und Kreativität geweckt, denn ich habe in dieser einen Woche versucht, mir die Umwelt zu erschliessen und habe immerhin einige Worte durch meine Lateinkenntnisse erkennen können (domu = Haus, novy = neu, etc.). Es zeigt einem auch wieder schön auf, in welcher Situation sich die Austauschschüler/-innen befinden, was man einige Zeit nach dem Austausch vergisst, bzw. die Erinnerung verblasst. Zudem habe ich einige Inputs für das Schweizer YFU-System mitnehmen können: Ist unsere Sprachwahl in den Lagern okay? Ist es richtig, dass wir die Sprache (Deutsch) höher werten als den Inhalt, den wir in den Session zu vermitteln suchen? Auch habe ich erkennen können, wie YFU Schweiz und Tschechien anders aufgebaut sind – in der Schweiz ist sehr viel dezentral von Freiwilligen organisiert, in Tschechien übernimmt das Büro sehr viel mehr Arbeit. Welches System wirkt besser? Wie funktionieren die beiden Systeme in den jeweiligen Kontexten? Das sind einige der Fragen, die ich mir durch diese Erfahrung neu gestellt habe. Ausserdem freut es mich, dass Tschechien für mich nicht mehr länger nur ein Loch auf der Karte zwischen Deutschsprachigen Gebieten ist, sondern ein eigener Fleck auf der Welt, der mit eigenen Erfahrungen und einer neu gewonnen Achtung für mich nun viel mehr Bedeutung hat.