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Zu Besuch auf meiner ersten amerikanischen Hochzeit

Zugegebenermassen hatte ich schon ziemlich hohe Erwartungen an die Hochzeit, die ich heute endlich besuchen würde. Ich meine, in Amerika ist alles gross, prunkvoll und ausgefallen, also sollte es wohl auch bei einer Hochzeit nicht anders sein.

Ich freute mich ganz besonders für meine Gasteltern, weil das Brautpaar aus deren Sohn und seiner Freundin bestehen würde.

Schon am Vortag sind bei uns nach und nach Gäste eingetrudelt, denn es stand eine Art Hauptprobe für die Hochzeit in unserem Garten an. Ich war an der Probe nicht anwesend, weil ich meinen Abend lieber mit dem Zuschauen eines Footballgames an meiner Highschool verbrachte, ich wurde an der Probe aber auch nicht wirklich vermisst, da ich sowieso nur als normaler Gast für das Fest eingeladen wurde und natürlich nicht zur eigentlichen „Wedding party“, wie sie hier die Braut, den Bräutigam und deren Trauzeuge, sowie die Eltern des Brautpaares nennen. Als ich meine Gastmutter später fragte, was genau sie bei der Probe am Freitag Abend gemacht haben, meinte sie, sie hätten bloss den Ablauf des Marsches für die Brautzeugen  zum Pavillon der Trauung geübt und später zusammen gegessen. Als ich von dem Footballgame nach Hause kam, waren jedenfalls alle Leute schon wieder weg, bis auf Henry mit seiner Freundin und Sebastian, die bei uns schliefen. Henry und Sebastian sind zwei meiner Vorgänger, also Austauschschüler, die vorher bei Parkers waren.

Am nächsten Morgen ging es im Vergleich zu dem Stress, den die Familie die ganze Woche durch stets trieb, recht ruhig zu und her. Matilde, Susan (Henrys Freundin) und ich fuhren gegen Mittag zu der Scheune, in der die Feier nach der Trauung stattfinden sollte und halfen den anderen Frauen beim dekorieren. Die Scheune stand in einem traumhaften Garten und war auch abgesehen von dem Garten ziemlich sehenswert.

Das Motto der Hochzeit war orange, blau und weiss. Die drei Farben wurden auf den Tischen anhand von Kerzengläsern und Blumen aufgegriffen und spiegelten sich auch im Brautstrauss. Leider waren die Blumen aus Kostengründen, wie ich später in Erfahrung brachte, aus Plastik, was meinem Geschmack gar nicht entspricht. Gerade weil die Farben überhaupt nicht natürlich zu sein schienen, fand ich es schade.

An der Decke windeten sich bis hoch hinauf Lichterketten und selbst die Balken waren mit weissen Tüchern gesäumt.

Nach dem Dekorieren kleideten wir uns festlich und unsere Haare und Schminke wurde von einigen Arbeitskolleginnen der Braut, die in einem Haarsalon arbeitet, übernommen.

Als wir alle bereit waren, begann die Fotografin mit den ersten Schüssen nur von der Hochzeitspartei, natürlich ohne den Bräutigam, denn die Tradition schreibt bekanntlich vor, dass der Bräutigam die Braut nicht vor der Hochzeit sehen darf.

Als alle separaten Fotos im Kasten waren, kamen auch schon die ersten Gäste an und kurz darauf fand die Trauung, abgesehen von einem weissen Pavillon unter freiem Himmel, statt.

Nach einer kurzen Predigt des Pfarrers wurden die Ringe getauscht und danach die Gäste schon zu Tisch gebeten, während noch die gemeinsamen Fotos der Braut mit dem Bräutigam erledigt wurden.

Das Essen wurde von einem zweiköpfigen Team vor der Scheune zu einem Buffet aufgebaut. Das Apéro bestand aus kleinen Fleischbällchen und Tomaten-Mozzarella-Stäbchen, während später zum Hauptgang Karotten, Bohnen, Kartoffelpüree und Poulet zur Auswahl stand. Ich war nicht masslos überzeugt was das Kulinarische angeht aber es war zumindest essbar. Die „wedding party“ war wohl selber nicht ganz zufrieden, wenn man noch in die Bewertung des Essens einfliessen lässt, dass nachdem die Hälfte der Gäste ihr Essen geholt hatten schon keine einzige Gabel mehr da war und der Rest der Gäste musste sich nur mit einem Messer durchschlagen.

Vielleicht ist es bei anderen Hochzeiten in den Staaten anders aber bei der von mir besuchten wurde kein Alkohol serviert und aus Plastikgeschirr gegessen und getrunken, da musste ich gar nicht erst nachfragen, aus Kostengründen, ist klar.

Nach dem Essen gab es eine kurze Ansprache von einigen der Gäste und eine Showeinlage der Trauzeugen. Einige schritten danach zur Tanzfläche und die Hochzeitstorte wurde angeschnitten. Um 22.00 Uhr war die Sause auch schon vorbei und ich half der Familie beim Aufräumen.

Henry, Susan und Sebastien blieben noch eine Nacht bei uns, kamen am Sonntag mit uns zur Kirche und danach gingen wir alle gemeinsam frühstücken.

Danach mussten wir uns auch schon von Henry und Susan trennen, denn die beiden traten nach dem Frühstück gleich ihren Heimweg nach Kentucky an, wo sie mittlerweile wohnen. Sebastian verbrachte noch den Tag mit uns und führte uns abends in seine Lieblingsbar, wo Poulet ein Muss zum Bestellen ist und es keinen freien Fleck Wand gibt, an dem kein Fernseher hängt in dem irgend eine Sportart läuft.

Nun liegt sie also hinter uns, die Hochzeit, die seit Wochen beinahe das einzige Thema an unserem Tisch war und meinen Gasteltern während der Vorbereitungszeit manchmal schier den letzten Nerv zu rauben schien. Ein Glück, dass meine Gasteltern an der nächsten Hochzeit, an welche wir im Oktober eingeladen sind, nicht mitplanen müssen. Für mich heisst dies nämlich ein weiteres Fest, aber dieses Mal ohne die Aufregung an den Tagen davor, die so einige Mal jemanden aus meiner Familie die Stimme heben liess.

Ich halte euch auf dem Laufenden und bis Bald.