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Mein erster Schultag und wie das amerikanische Schulsystem funktioniert

Als erstes will ich kurz erwähnen, dass ich euch nur so lange habe zappeln lassen, bevor ich meinen ersten Bericht teile, weil es Komplikationen mit meinem Blogaccount gab. Hoffentlich intressiert euch auch nach mehr als zwei Wochen nach meinem ersten Schultag noch, wie dieser ablief.

Am 08. August 2017 heisst es für alle Schüler von Pendleton wieder Leben B. Früh aufstehen , Hausaufgaben, für Prüfungen lernen, überfüllte Gänge, stickige Cafeteria. Lange Rede kurzer Sinn; Die Schule fängt heute für ganz Pendleton und somit auch für mich an. Ich will jetzt nicht sagen ich war besonders motiviert um 05.20 aufzustehen aber als es dann so weit war und ich mit meiner Schultasche in der Tür stand, spürte ich schon, wie sich in mir allmählich dieses Kribbeln der Vorfreude breit machte. Zum Glück hat mir Amanda, meine Gastmutter am Vortag ein Schloss gekauft, damit ich üben kann, wie man diese amerikanischen Hochsicherheitsbrocken von Schliessfachschlössern öffnet.

Amerikanischer Schulbus

Ausserdem waren wir gestern in der Schule, wo wir unsere Stundenpläne frei zusammen stellen konnte. Ach, und wenn ich in der Mehrzahl spreche, könnt ihr für heute davon ausgehen, dass die andere Person welche gemeint ist, meine Gastschwester Matilde aus Dänemark ist, die für dieses Jahr bei der selben Gastfamilie wohnt wie ich.

Heute ist übrigens Dienstag. Ja, ihr habt schon richtig gelesen. Dienstags und nicht montags fängt die Schule hier an, weil die Lehrpersonen einen Tag zur Vorbereitung nutzen wollen. Mir kam dies gerade noch recht, denn ich bin erst am Freitag Abend nach einer, nun ja, sagen wir leicht umständlichen Reise, in Indianapolis gelandet, wo mich meine Gastmutter, meine Gastschwester und die Kinder meines Gastvaters Bruder, also meine Cousinen, schon erwarteten. Die Reise war ziemlich anstrengend, da mein erster Flug von Zürich nach Newark Verspätung hatte und ich somit den Anschlussflug verpasste und ungeplanter Weise eine Nacht in einem Flughafenhotel von Newark verbringen musste. Also nutzte ich den Samstag und Sonntag grössten Teils um mich auszuruhen, meine Sachen auszupacken und ziemlich viele Leute kennenzulernen, die meine Gasteltern zu uns einluden.

Also, wo waren wir stehen geblieben? Genau, wir gingen gestern zur Schule, wo eine herausgeputzte Lady unsere Wünsche für den Stundenplan entgegen nahm und sie in den Computer eintippte. Für diejenigen die nicht genau wissen wie das Schulsystem in Amerika an einer Highschool funktioniert, ist es wohl am einfachsten, ich erkläre es kurz.

Die Schüler müssen 14 Classes (Fächer) auswählen. Sieben davon werden im ersten Semester besucht und sieben im zweiten. Es gibt einige Fächer wie Englisch oder Mathematik, von denen pflichtmässig einige ausgesucht werden müssen. Ich entschied mich fürs erste Semester als erstes für ein Fach welches ich unbedingt besuchen wollte und zwar Scimitar, was so viel bedeutet, wie am „yearbook“ zu arbeiten, welches jeder Schüler der Pendleton Heights Highschool am Ende des Jahres bekommt . Darin sind Fotos von allen Schülern, Berichte und Fotos von allen Events und sonst Stories des letzten Schuljahres. Da eines der englischen Fächer nichts als sinnvoll ist für einen Austauschschüler, der Englisch lernen will, entschied ich mich als zweites Fach für „American Literature“. Darin werden, wie der Name schon sagt, verschiedene Arten von Texten und im Allgemeinen amerikanische Literatur bearbeitet. Des Weiteren entschied ich mich für Französisch, da ich dieses Fach wohl oder übel auch in der Schweiz wieder besuchen muss, wenn ich zurück komme, und somit einigermassen fit darin bleiben will. Mein nächstes Fach war für mich mehr eine Alternative.

Meine Schule

Ich wollte etwas machen wie allgemeines Fitness aber dieses Fach gab es nicht, also entschied ich mich für Gewichtheben. Ein anderer Austauschschüler, der letztes Jahr in Pendleton zur Schule ging, berichtete von einem Fach, welches sich nur um den zweiten Weltkrieg dreht. Ich als Geschichte-Fanatiker war vom ersten Moment, als ich davon hörte begeistert und liess mich sofort einschreiben. Meine nächste Wahl: Algebra. In den USA ist Mathematik, nicht wie bei uns in der Schweiz, in Fächer mit nur jeweils einem Thema aufgeteilt. Es gibt Geometrie, Trigonometrie, Algebra, Taschenrechnerskills oder so etwas in der Art und ich schätze noch eine ganze Menge andere Dinge, die mich aber schlicht und einfach ohnehin nicht interessierten. Algebra schien mir noch das kleinste Übel von all diesen Mathematikthemen zu sein und so entschied ich mich dafür. Mein letztes Fach, so dachte ich erst, könnte zu meinem grössten Verhängnis werden: Biologie. All diese Fachbegriffe sind schon auf Deutsch nicht unbedingt einfach, viel Spass auf Englisch. Aber die Herausforderung reizte mich zu sehr, als dass ich es hätte weglassen wollen.

Der Stundenplan ist so aufgebaut, dass man jeden Tag genau den gleichen Ablauf der Fächer hat und nach der Schule, um 02.30 p.m. haben die meisten Schüler noch Sport, Musik oder Theater.

Jeder Schüler der Highschool fängt also um 07.30 morgens an und ist um 14.20 Uhr mit dem obligatorischen Schulprogramm fertig. In meiner Highschool, gibt es, weil sie so gross ist, drei verschiedene „Lunch“-Zeiten. Ich habe C-Lunch, was so viel bedeutet wie, dass ich jeden Tag von 12.05 Uhr bis 12.40 Uhr Mittag habe.

Tia. Mein Stundenplan habe ich also schon gestern gemacht und das ganze Schulmaterial haben wir schon am Samstag besorgt. Also blieb mir nichts anderes übrig, als heute Morgen pünktlich um 05.30 aufzustehen, und mich geradewegs ins kalte Wasser plumpsen zu lassen. Nicht wörtlich gemeint natürlich, Schwimmen hab ich erst als Wintersport.

Ihr müsst vielleicht wissen, dass meine Mom „Schoolbusdriverin“ ist. Deswegen mussten wir mit ihr zuerst zur Schule fahren, wo wir ihren Schulbus holten und dann mit ihr die gesamte Route entlang fahren, wo sie Kinder aufgabeln musste. Als das gelbe Gefährt mit der Aufschrift „Schoolbus“ sich der Schule näherte, begannen sich meine Gefühle langsam durch einer dicke Schicht Müdigkeit durchzukämpfen. Japp, ich war aufgeregt, und wie. Ich wusste, dass ich zwischen jeder „Class“ nur fünf Minuten habe, um mein nächstes Klassenzimmer zu finden. Mir war auch bewusst, dass sich nicht jedermann auf mich stürzen würde, um mir zu helfen meine Zimmer zu finden, da mich niemand kannte. Glücklicherweise hat Amanda ein Mädchen aus ihrem Bus angewiesen, uns ein wenig zu helfen. Ich war echt froh darum, denn, wer hätte es anders gedacht, scheiterte es bei mir trotz dem Üben am Vortag mit dem komplexen Schloss schon daran, mein Schliessfachschloss zu öffnen. Wir hatten vor der Schule noch ein Wenig Zeit und das Mädchen vom Bus zeigte uns unsere Klassenzimmer. Nach dem sie mir mein letztes Zimmer gezeigt hatte, wollte ich mich auf direktem Weg zu meinem Klassenzimmer der ersten Stunde begeben. Nur das Problem war, es gab keinen direkten Weg. Nach einigen Minuten herumirren kam ich zu dem Schluss, dass es womöglich gar keinen Weg zu dem Raum Nummer 117 gibt, denn direkt nach Raum 116, lachte mir schadenfreudig das Schild mit der Nummer 118 entgegen. „Na super“, dachte ich mir, „muss ich jetzt Tür Nummer 116 3/4 wie in Harry Potter suchen?“ Ich fand das Zimmer mit der Hilfe eines Lehrers dann doch noch rechtzeitig. So ging es mir irgendwie den ganzen Tag. Die gute Nachricht ist aber, dass ich „Lunchtime“, also Mittag mit einem Mädchen habe, welches ich in Scimitar kennengelernt hatte und echt nett ist. Matilde, Kimberly (So lautet ihr Name. – Japp, typisch amerikanisch, ich weiss.) und ich gingen also an diesem ersten Tag zusammen essen, wo schon das nächste unbekannte Terrain auf mich wartete. Hier bezahlt man nämlich indem man mit Hilfe eines Fingerscanners direkt aufs Konto zugreifen kann. Ach und wenn wir schon beim Thema unbekanntes Terrain sind. Ich hab ja schon berichtet, dass die Suche nach meinem ersten Klassenzimmer ein Bisschen umständlich war.
Als ich dort ankam, ging es aber gleich weiter mit bizarrem Zeug für mich. Ich machte es mir gerade, total ausser Puste, auf meinem Stuhl bequem, als eine Stimme aus dem Lautsprecher dröhnte und mit eine Tempo, sag ich euch, anfing, irgendetwas zu plaudern. Plötzlich erhob sich jeder um mich herum, drehte sich zur Flagge der vereinigten Staaten und begann auch etwas zu sagen. Ich versuchte unauffällig meine Lippen mitzubewegen, damit ich nicht so auffalle, da ich offensichtlich als Einzige den Text nicht zu können schien. Leider befürchte ich aber, dass ich durch dieses Ritual schon nach den ersten Minuten als „die Austauschschülerin die nichts peilt“ aufgeflogen bin.

Es gibt noch etwas anderes, was ich euch unbedingt erzählen muss. Die Amerikaner scheinen sehr auf Sicherheit in der Schule bedacht zu sein. Jede Klassenzimmertür und jede Tür nach aussen ist während der gesamten Schulzeit verriegelt, um zu vermeiden, dass jemand mit einer Waffe ins Gebäude kommen kann und wild um sich schiesst. Ausserdem stehen vorallem im Eingangsbereich meist mehrere Polizisten oder Security-Leute.

Um sicher zu gehen, dass jeder genau Bescheid weiss, was zu Tun ist im Brandfall, müssen alle Schüler, mitsamt der ganzen Belegschaft und den Lehrern einmal im Monat eine Brandsituation simulieren und das Gebäude verlassen.

Ich schaue jedenfalls mit Zuversicht in die Zukunft meines Schulaltag und hoffe euch auch bei meinen nächsten Blogs wieder als Leser dabei zu haben.