YFU Switzerland

Unterschiede in der Schule

In diesem und im nächstem Blog soll sich Alles um Unterschiede zwischen Südafrika und der Schweiz drehen. Davon gibt es nämlich wirklich eine ganze Menge. Wichtig dabei zu bedenken ist aber, dass ich nur von meinen eigenen Erfahrungen berichten kann. Je nachdem in welcher Gegend man sich befindet, welche Schule man besucht und in welcher Gastfamilie man lebt, macht man ganz andere Erfahrungen und erfährt ganz andere Differenzen. Ich für meinen Teil wohne in der Stadt Nelspruit, wohne in einer Afrikaans sprechenden Familie und besuche eine öffentliche christliche Schule.

Bergvlam Highschool

In diesem Blog werde ich vor allem auf meine Schule, Bergvlam Highschool, eingehen. Laut der Webseite meiner Schule ist diese eine multikulturelle Bildungseinrichtung mit einem südafrikanischem Charakter, welche sich bemüht, christliche Normen und hohe Standards zu wahren. Tatsächlich kommen die Schüler aus vielen verschiedenen Kulturen und sprechen unterschiedliche Sprachen. Unterricht gibt es aber nur auf Englisch und Afrikaans. In den meisten meiner Klassen müssen die Lehrer parallel auf beiden Sprachen unterrichten, was eine ziemliche Herausforderung ist. Die meisten meiner Lehrer sprechen ursprünglich Afrikaans und haben dadurch ein ziemlich gebrochenes Englisch und sprechen viel lieber ihre Muttersprache. Gerade am Anfang, wo ich noch kaum Afrikaans verstand, war es sehr anstrengend den Lehrern zu folgen.

Kleiner Einblick unserer Schuluniformen

Der wohl offensichtlichste Unterschied der Schulen in Süd Afrika ist die Schuluniform mit ihren strengen Vorschriften. Es gibt regelmässige Inspektionen bei denen unser Erscheinungsbild genau geprüft wird. Besonders streng nehmen es die Lehrer mit der Länge unserer Fingernägel, der Länge unseres Kleides, jeglichem Körperschmuck und den Frisuren der Jungen. Laut unserem stellvertretenden Schulleiters sollte ein Vorzeigeschüler möglichst wenig mit seinem Erscheinungsbild auffallen. Um so mehr freuen wir uns immer auf die paar Tage, wo wir in normalen Kleidern in die Schule gehen können. Diese “civvies days” finden meistens am Tag vor den Ferien statt und werden von den Schülern richtig ausgenutzt. Viele kommen mit sehr extravaganten Kleidern zur Schule und stylen sich die Haare genau so, wie es normalerweise nicht erlaubt wäre

Jeder Schultag beginnt und endet mit einem Gebet, welches über Lautsprecher in alle Klassenzimmer übertragen wird. Meistens am Anfang des Tages treffen sich die Schüler in ihrer “Registerclass” mit ihren jeweiligen Klassenlehrern. Dort wird durchgezählt, ob auch alle da sind und es werden Ankündigungen gemacht. Einer der Schüler muss in dieser Zeit auch ein Gebet sprechen oder eine motivierende Rede über die Werte der Schule halten. Jeden Tag ist jemand anderes an der Reihe. Die Werte der Schule sind Respekt, Verantwortung, Stolz, Einheit und Ubuntu. Ubuntu ist ein Zulu-Wort und kann auf viele verschiedene Arten interpretiert werden. Es soll aber Humanität und Zusammenhalt ausdrücken. Alle paar Tage versammeln sich die Schüler in der Halle oder draussen vor der Schule. Dort werden Ankündigungen gemacht und es wird auch häufig gesungen. Wir singen Loblieder und unsere Schulhymne. Hier hat jede Schule ihre eigene Hymne und einen eigenen Leitspruch. “As U wil en ek leef” und “Brand Met Trots/ Burn with Pride” sind die beiden Leitsprüche meiner Schule. Sie bedeuten so viel wie “In deinem Willen lebe ich” und “Brenne mit stolz”.

Es gibt eine starke Hierarchie unter den Schülern. Die Achtklässler sind an unterster Stelle, sie müssen den älteren Schülern gehorchen und haben nichts zu melden. Die “Matric” sind die Zwölftklässler und stehen an höchster Stelle. Man muss sich von ihrem eigenen überdachtem Pausenort und ihrer Treppe fernhalten. Diese Rangordnung wird unter anderem auch in der Sitzordnung der Halle sichtbar: Die Klassenstufen sitzen beieinander, Acht- bis Zehntklässler auf dem Boden, Elftklässler auf Stühlen im hinteren Bereich der Halle und die Matric auf einer Empore. Mädchen und Jungen müssen getrennt in der Halle sitzen. Beim Warten vor den Klassenzimmern stehen die Jungen aufgereiht bei der Fensterseite des Ganges und die Mädchen auf der anderen Seite. Beim Betreten und Verlassen der Schulzimmer lassen die Jungen den Mädchen meistens ganz gentlemanlike den Vortritt. Der Unterricht verläuft auch ein bisschen anders. Bevor der Unterricht beginnt, müssen alle Schüler hinter ihren Pulten stehend warten, bis der Lehrer sie bittet sich zu setzen. Ganz schön viele nicht sofort sichtbare Regeln, die ich erst durch viele unangenehme Situationen lernen musste; wenn man zum Beispiel plötzlich bemerkt, dass man als einzige auf seinem Stuhl sitzt oder nicht sofort bemerkt, dass alle Jungen verlegen hinter einem warten bis man endlich durch die Tür tritt.

Allgemein werden die Lehrer sehr schnell laut wenn sie das Gefühl haben, dass die Schüler nicht zuhören. Einige Schüler haben kaum Respekt vor ihren Lehrern, was wohl der Grund dafür ist, dass die Lehrer mehr durchgreifend sind. Trotzdem haben die Lehrer eine recht enge Beziehung mit den Schülern. Dass zeigt sich zum Beispiel darin, dass wir die Geburtstage der Lehrer feiern. Das klingt vielleicht nicht so spektakulär, aber in der Schweiz sind die Geburtstage nie bekannt und ehrlich gesagt ist es den Schülern dort auch relativ egal, wann ihre Lehrer ihren Geburtstag feiern. Hier haben wir sogar eine Überraschungsparty für unsere Klassenlehrerin organisiert.

In jedem Fach ist man mit anderen Schülern zusammen. Es gibt keine festen Klassen und somit auch keine Klassenkameraden, mit denen man den ganzen Tag zusammen bleibt. Ab der Zehnten Klasse gibt es nur sieben Fächer von denen nur Mathematik, Englisch, Afrikaans und Life Orientation obligatorisch sind. In Life Orientation bekommt man Werte vermittelt und lernt verschiedene Skills, wie mein ein gutes leben führen kann. Die anderen drei Fächer kann man sich auswählen. Es gibt eher ungewöhnliche Fächer wie Hauswirtschaft, Tourismus, Business oder Zeichnen, aber auch Biology, Physik oder Geografie. Die Noten werden hier meistens in Prozentzahlen angegeben, welche zeigen, wie viel Prozent man richtig gelöst hat. Als ungenügend wird hier eine Note unter 30% angesehen, während in der Schweiz alles unter 60% als ungenügend gilt. An meiner Schule findet der Unterricht von 07:30-13:30 statt. Alle sieben Fächer werden in dieser Zeit unterrichtet, die Länge der Lektionen variieren aber je nachdem, ob wir Versammlungen haben oder nicht.

Meine Klasse beim “Stocktake”

Um Geld für die Schule zu sammeln, gibt es regelmässige “Stocktakes” bei denen sich Schüler freiwillig melden um die Ware in Läden zu zählen. Dass ist echt harte Arbeit. Ich habe auch einmal mitgemacht und habe bis spät am Abend mit den anderen Schülern die Ware eines Supermarktes gezählt. Dafür gibt es Belohnungspunkte (Merits) die man auch durch andere gute Taten erwerben kann. Dadurch kann man Minuspunkte (Demerits) wieder gut machen, welche man zum Beispiel durch vergessene Hausaufgaben oder Verstösse gegen die Kleiderordnung bekommen kann. Auch durch Blutspenden kann man sich Merits verdienen. Ja wirklich, ich fand dies auch ein wenig befremdlich. Regelmässig kommen Blutspende-Organisationen zu den Schulen und zapfen den über 16jährigen Blut ab. Aber immerhin wird so dringend benötigtes Spende-Blut gewonnen.

Sportliche Leistungen werden hier ebenso hoch angesehen wie akademische. Zu den meisten grösseren Schulen hier gehören Rugbyfelder, Korbballfelder und Hockeyfelder. Die Schulen treten in verschiedenen Disziplinen gegen einander an. Es gibt eine Wintersportsaison (April-September) und eine Sommersportsaison (November-März).

In der Sommersportsaison messen sich die Schüler in verschiedenen Leichtathletikdisziplinen. Das “Spiritteam”besteht aus einer Vielzahl an Schülern, welche unter der Anleitung der acht Cheerleader mit Tanz die Leichtathleten anfeuern. Es ist ein ebenso wichtiger Bestandteil der Sommersaison wie die Athleten. Die Saison beginnt mit dem “Interhouse” , einem Event, bei dem sich die Schüler mit ihren Mitschülern innerhalb einer Schule messen. Ich wurde dazu überredet, beim 1500Meter-Lauf mitzumachen. Ich kam auf den zweiten Platz (Es haben auch nur zwei andere Mädchen mitgemacht 🙂 ), und habe mich damit für den “Interhigh” qualifiziert. Beim Interhigh machen alle Athleten der Provinz mit. Nach dem Interhouse wurde fünf Wochen lang trainiert, zum Teil während der Schulzeit, aber auch an den Nachmittagen. Ich habe beim Langstreckentraining mitgemacht, was bei den an 40 Grad grenzenden Temperaturen sehr anstrengend war. Es gab auch ein paar Wettkämpfe bei anderen Schulen, um sich auf dass grosse Event vorzubereiten.

Foto vom Interhigh
Einzug der Athleten

Dann war es endlich so weit. Der Interhigh ist echt ein Spektakel. Der Einmarsch der Athleten erinnerte mich irgendwie an die Olympischen Spiele und überhaupt kommt man sich an diesem Tag wie ein gefeierter Profisportler vor. Die Spiritteams feuern ihre Athleten den ganzen Tag an und bekommen Preise für ihre Choreographien. Das Highlight des Spektakels waren drei Fallschirmspringer, welche aus einem Propellerflugzeug direkt über dem Feld sprangen. Der ganze Tag war sehr beeindruckend für mich und ich bin auch nicht allzu schlecht gelaufen, obwohl ich extrem aufgeregt war.

Mein Netballteam

Die Sommersportsaison ist dem Mannschaftssport gewidmet. Es gibt viele verschiedene Angebote wie Rugby, Kricket, Netball, Hockey, Fussball, Tennis, Schwimmen und Sportschiessen. Schiessen ist hier sehr beliebt, sowohl bei den Jungen als auch bei den Mädchen. Meine Gastschwester ist im “Shooting-team” und so habe ich es auch ausprobieren dürfen. Ich muss ehrlich sagen, dass mir Sportschiesen Spass macht, obwohl ich recht skeptisch war am Anfang. Rugby ist der wohl beliebteste Sport Süd Afrikas und wird dementsprechend auch sehr ernst genommen. Wer im ersten Rugbyteam ist, wird auch automatisch bekannter an der Schule. Nachdem die Spieler für das Erste Rugby Team der Schule feststehen, müssen diese sich traditionell von ihren Mitschülern eine Glatze rasieren lassen. Diese Tradition soll verhindern, dass die Spieler sich von den anderen abheben und sich als etwas besseres fühlen. Auch beim Interhigh sah ich ein paar Athleten, welche sich aus diesem Grund eine Glatze schneiden mussten. Viele Mädchen spielen Netball(Korbball) oder Hockey. Ich trainiere hier nun auch Netball. Ich habe ein paar Jahre lang Korbball gespielt und finde es schön dass ich dies auch hier tun kann. Es gibt aber auch einige Unterschiede, und dass nicht nur in den Regeln. Wir müssen Röckchen tragen, was ich eher hinderlich finde. Aber es macht Spass und ich finde es wichtig, bei solchen Schulaktivitäten mitzumachen. Es ist eine gute Gelegenheit mehr Leute kennen zulernen und Freundschaften zu schliessen.

Neben diesen sportlichen Aktivitäten kann man auch dem Schachklub oder dem Chor beitreten oder bei der Schülerzeitung mitwirken. Die Schüler werden mit diesen Angeboten nach dem Unterricht beschäftigt, während sie warten, abgeholt zu werden. Viele werden nämlich erst am späten Nachmittag von ihren berufstätigen Eltern abgeholt. Nur die wenigsten Schüler haben das Glück, in einem nahe gelegenem Haus zu wohnen. Ein paar wenige haben Motorräder, wodurch sie viel Selbstständigkeit gewinnen. Die anderen sind total abhängig von Leuten, welche sie mit dem Auto abholen kommen, und dass nicht nur auf die Schule bezogen. Einfach mit dem Zug oder Bus unterwegs zu sein, ist etwas, was ich sehr von der Schweiz vermisse. Egal wohin ich möchte, ob etwas einkaufen gehen oder etwas mit Freunden unternehmen, ich brauche immer jemanden, der mich mich herumkutschiert.

“Colourrun” am Funday
Der Valentinsball

Alle paar Monate finden auch sogenannte “Socials” statt. Dass kann ein Funday sein oder ein Schultanz, auch “Sokkie” genannt, wo ordentlich gefeiert wird. Diese Socials gibt es oft vor den Ferien oder bei besonderen Gelegenheiten, wie dem Valentinstag. Mit den Eintrittsgeldern wird Geld für die Schule gesammelt. Erlaubt sind nur Schüler der Schule, ohne Ausnahmen. Akohol ist strikt verboten. Für viele bedeuten diese Anlässe ein Stückchen Freiheit, da es hier sonst kaum sichere Angebote gibt, wo junge Leute feiern gehen können. Die Musik welche gespielt wird, ist sehr vielfältig. Von Popmusik zu typischer Afrikaans Music zu Afropop ist alles dabei. Dass ist auch gut so, da so für jeden etwas dabei ist.

Ich mag meine Schule, was vor allem auf die vielen Freizeitangebote zurückzuführen ist. Schule hier in Südafrika dreht sich nicht nur um “Schule” sondern auch um Sport und Spass. Ich habe das Gefühl, hier wird viel Wert darauf gelegt, die Schüler nicht nur akademisch zu unterrichten, sondern auch zu guten Menschen zu erziehen. Klar gibt es auch nicht so gute Dinge, wie zum Bespiel das niedrigere Niveau des Schulstoffes oder fehlende Disziplin einiger Schüler. Trotzdem geniesse ich meine Zeit in Bergvlam und ich finde, dass sich meine Schule in der Schweiz in Sachen Spass und Freude vom Südafrikanischen Bildungssystem eine Scheibe oder zwei abschneiden könnte.