YFU Switzerland

Die Zeit vergeht so schnell

Goeie dag almal

Nun sind schon zwei Monate vergangen, seid meine Füsse zum ersten mal südafrikanischen Boden berührten. Ein Fünftel meines Austauschjahres ist schon vorbei! Ich spüre eine leichte Panik in mir aufsteigen, wenn ich daran denke, wie schnell die Zeit vergeht. Versteht mich nicht falsch, klar vermisse ich meine Familie und Freunde, aber trotzdem möchte ich jede Sekunde dieses Jahres geniessen und sinnvoll nutzen. Ich werde unruhig wenn ich mal eine Zeit lang nichts unternehme. Ein Glück habe ich in den letzten Wochen wieder ziemlich viel erlebt.

Am letzten Schultag vor den Frühlingsferien fand in der Schule ein Funday statt. Das bedeutet, dass wir keinen Unterricht hatten, dafür aber alle Klassen im Einkaufswagen-Rennen antraten und wir uns beim Colourrun eine Farbpulverschlacht lieferten. Zu Beginn des Colourruns, welcher auf unserem Rugbyfeld aufgebaut wurde, musste man ein paar Wasserrutschen hinunterrutschen, bevor man klitschnass von Lehrern mit Farbpulver beworfen wurde. Man kann sich vielleicht vorstellen, was dass für eine Sauerrei gab. Da ich den ganzen Colourrun insgesamt dreimal bewältigte, war ich wirklich von oben bis unten voll mit Farbe. Direkt nach dem Funday fand ein Sleepover bei der anderen Austauschschülerin, Fer, statt. Sie geht mit mir in die Klasse und kommt aus Chile. Es kamen noch fünf weitere Mädchen, alle voller Farbe dank des Colourruns. Nach einem Bad im Pool und einer langen Dusche hatten wir alle immer noch ein paar farbige Stellen. Fer brachte ein paar chilianische Snacks mit, Nele deutsche Snacks und ich bereitete ein Fondue vor, so dass wir unseren südafrikanischen Freunden ein bisschen mehr von unserer Heimat zeigen konnten. Es war ein echt schönes Wochenende, mit vielen Horrorfilmen, wenig Schlaf und vielfältigem Essen.

Vor Kurzem habe ich meinen ersten Sokkie erlebt. Ein Sokkie ist ein traditioneller afrikaans Tanz, wobei die Tänzer zu zweit ziemlich eng zusammen tanzen und die Füsse kaum anheben, also über den Boden rutschen. Deshalb tanzen auch manche auf Socken oder barfuss, was den Namen des Tanzes erklärt. Der Sokkie fand an meiner Schule statt. Von dem Eintrittsgeld und dem Geld, welches mit einen Essensstand verdient wurde, wird der Ball der Seniors finanziert werden. Zunächst lief ganz normale Partymusik und es gab in dieser Hinsicht keine grossen Unterschiede zu unseren Parties in der Schweiz. Mit einer Ausnahme: Jeder hier kann richtig gut tanzen. Ehrlich gesagt hat mich dass als sehr untalentierte Tänzerin ziemlich eingeschüchtert. Ich war sehr dankbar dass meine Freundesgruppe die meiste Zeit ausserhalb des Partyraums verbrachte und wir vor allem viel redeten und auch so Spass hatten. Doch irgendwann änderte die Musik zu richtiger afrikaans Musik und es war Zeit für mich, den Sokkie zu lernen. Sehr geduldig versuchten meine Freunde mir den Tanz beizubringen, aber ich glaube ich habe mich nicht besonders geschickt angestellt. Im Prinzip ist dieser Tanz aber nicht besonders schwierig und mit einem Partner, der mich führte, habe ich es dann doch einigermassen hinbekommen. Ich habe mir fest vorgenommen, dass ich am Ende meines Austauschjahres so frei und unbekümmert tanze, wie es meine südafrikanischen Freunde tun. Mal sehen, ob dass etwas wird.

Zusammen mit meiner Familie, zu der ich auch die andere Austauschschülerin (Nele) zähle, besuchten wir Kaapsehoop. Dass ist ein kleines Städtchen in der Nähe von Nelspruit. Kaapsehoop liegt auf einem Berg und ist umgeben von spektakulären Felsformationen. Auch viele Wildpferde leben dort, welche wir bereits auf unserem Hinweg neben der Strasse sahen. Zunächst besuchten wir eine gute Freundin meiner Gastmutter, welche ein wunderschönes Gästehaus besitzt. Es ist typisch englisch eingerichtet, also stilvoll kitschig. Jedes Zimmer ist in einer anderen Farbe eingerichtet. Im violetten Wohnzimmer genossen wir ein ausgiebiges Frühstück bevor meine Gastgeschwister, Nele und ich uns auf den Weg auf eine kleine Wanderung machten. Die Gegend ist meist in dichten Nebel gehüllt und so reichte auch an diesem Tag unsere Sichtweite nicht weiter als ein paar Meter. Wir mussten aufpassen, auf jenem Pfad zu bleiben, welchen einen sicher durch die Felsformationen führt. Es gibt nämlich steile Klippen, welche man in dem Nebel nicht erkennen kann und einen in den sicheren Tod führen würden. Wir sahen ein paar weitere Wildpferde, welche zum Teil überhaupt keine Scheu zeigten. Wir fanden auch ein heruntergekommenes Haus vor, dass früher als Aussichtspunkt genutzt wurde. Wir erkundeten das Innere des Hauses, was an das Set eines Horrorfilms erinnerte. Der Nebel wurde immer dichter. Als wir uns auf den Rückweg machten, konnte man ungelogen kaum einen Meter weit klar sehen. Ein Glück fanden wir den Weg zurück zum Gasthaus, auch wenn ich schwören könnte, dass unser Rückweg nicht der gleiche war wie der Hinweg.

Gleich am nächsten Tag nahm mich mein grosser Gastbruder und seine Freundin mit auf einen Ausflug zu einem  Endangered Species Center. Mit einem Jeep fuhren wir durch riesige Gehegen, wo wir weisse Nashörner , Geparde, Leoparde und Wildhunde von nahem beobachten konnten. Gleich zu Beginn kam ein Baby Nashorn, welches aber schon  eine recht stattliche Grösse hatte, direkt auf uns zu. Neben dem Baby lief ein Schaf her, was laut unserem Führer sein „calming sheep“ sei. Da dass kleine Nashorn ein Weise ist, braucht es jemanden, der ihm Gesellschaft leistet, damit es nicht einsam ist. Schafe oder Hunde sind besonders geeignet für diese wichtige Aufgabe. Während wir zu jeder Zeit im Jeep bleiben mussten, spielten die Tierwärter mit den Geparden, als wären sie nur etwas zu gross geratene Hauskatzen. Die Geparden sind auch genauso verspielt wie unsere Stubentieger. An einem langen Drahtseil bewegte eine Maschiene einen Federball hin und her. Einer der Geparde rannte hinterher und zeigte uns, warum er und seine Artgenossen als schnellste Tiere der Welt bekannt sind. Dass war ein echt schöner Ausflug den ich so schnell nicht vergessen werde.

Übrigens,  dass  habe ich beinahe vergessen: auf der Farm lebt nun ein kleines Kälbchen das meinen Namen trägt. Der Grossvater, welchem alle Rinder auf der Farm gehören, taufte es Mirjam. Mirjam ist bald schon zwei Wochen alt und ich durfte sie mit einer Flasche füttern, als ihre Mutter nicht genug Milch hatte.  Leider müssen bald alle Rinder verkauft werden. Durch die starke Dürre, die sich nun schon über Jahre hinwegzieht, gibt es nicht genug Gras und die Heuvorrate sind erschöpft. Um mehr Heu zu kaufen reicht das Geld nicht.

In den nächsten drei Wochen werde ich viele Examen schreiben müssen. Das Schuljahr neigt sich hier dem Ende zu und es werden Examen über den ganzen Schulstoff vom letzten Jahr geschrieben. Ich werde mir natürlich Mühe geben, aber ich denke, dass gute Noten nicht das Wichtigste in einem Austauschjahr sein sollten. Ich muss nur an den Tagen zu Schule gehen, an denen ich Examen schreibe. Da die Sommerferien schon bald anfangen, werde ich meinen nächsten richtigen Schultag erst im Januar haben. Ich weiss gar nicht, was ich mit so viel freier Zeit anfangen soll. Aber ich werde mit Sicherheit wieder vieles erleben.