YFU Switzerland

Franziska, Japan 2005/06

Wie bist du ins Austauschjahr gereist?

Mit einem Koffer, der nach mehrmaligem Umpacken genau 20kg wog, stieg ich in Kloten ins Flugzeug. Die Hälfte war mit Schokolade und Geschenken für die Gastfamilie gefüllt und da habe ich erstmals geschätzt, dass man in Japan Schuluniform trägt und ich so nicht allzu viele Kleider brauchte. Es war mein erster Langstrecken-Flug und das erste Mal, dass ich aus Europa rauskam. Ich war ja sooooo aufgeregt!

Wie war der erste Empfang in deiner Gastfamilie?

Ich fuhr mit einer Freiwilligen von YFU mit dem Zug von Tokyo nach Niigata. Als ich dort ausstieg wurde mir gleich der Koffer aus der Hand gerissen, ich wurde von jemandem umarmt und drei Leute haben in einem Gemisch aus Japanisch und Englisch auf mich eingeredet. Verstanden habe ich nicht viel, aber das Lachen meiner Gasteltern und meiner älteren Gastschwester war mir gleich sympathisch. Mit dem Auto fuhren wir dann nach Hause und ich lernte die Grosseltern, meine jüngere Gastschwester, den Hund und die drei Katzen kennen. Ich wurde von allen sehr warm empfangen und fühlte mich gleich wohl. Nach einer Tasse Tee und den ersten japanischen Spezialitäten (da hörte ich das erste Mal den Satz, der mich während den nächsten 10 Monaten begleiten würde: “Das musst du unbedingt probieren – es ist typisch japanisches Essen!”) ging es gleich weiter in ein Einkaufszentrum, wo ich meine eigene Reisschale erhielt. Jedes Familienmitglied hatte seine eigene Reisschale und meine war, wie könnte es anders sein, von Hello Kitty.

Was war dein eindrücklichstes Erlebnis?

Während den ersten paar Wochen war so ziemlich jedes Erlebnis eindrücklich, da mir Japan am Anfang doch sehr fremd war. Dass man am Anfang jeder Schulstunde aufsteht und den Lehrer mit einer Verbeugung begrüsst, dass am Abend jeweils noch kurz das Schulzimmer gewischt wird, die Sonnenuntergänge am Strand von Niigata und natürlich all die Tempel und Schreine mitsamt ihren Statuen und Geschichten, die mir mein Gastvater zeigte und erklärte. Die folgenden Erlebnisse sind mir jedoch besonders gut in Erinnerung geblieben:

Neujahr: Neujahr ist das wichtigste Fest in Japan und wir haben drei Tage nichts als gegessen! Einige Tage davor ging ich mit der Grossmutter auf den Fischmarkt, um den Neujahrs-Fisch einzukaufen. Der Markt war riesig und ich wusste nicht mehr wo ich hinschauen sollte! So viele verschiedene Fische und Muscheln und Krebse und die Verkäufer, die ihre Ware lauthals anpriesen… Die Grossmutter kaufte schlussendlich einen ganzen Fisch (von einer Grösse, die man in der Schweiz nicht am Stück zu Gesicht bekommt), den sie zu Hause zu den verschiedensten Gerichten weiterverarbeitete. In der Neujahrsnacht besuchten wir einen Tempel, wo ein grosses Feuer brannte, um die bösen Geister zu vertreiben. Ebenfalls sehr eindrücklich war die Menge an Neujahrskarten, die meine Gastmutter verschickte und erhielt. In Japan ist es sehr wichtig, dass man sich zu Neujahr Glückwünsche sendet. Und zwar nicht nur im engeren Familienrahmen, sondern auch an Freunde, Arbeitskollegen, Lehrer, Nachbarn und so weiter. In den Postbüros werden dann jeweils grosse Kisten aufgestellt, die nur für Neujahrs-Grusskarten bestimmt sind.

Reisfelder: Das erste, was mir meine Gastfamilie über die Präfektur Niigata erzählte, war dass es dort den besten Reis in ganz Japan gibt. Dementsprechend viele Reisfelder findet man auch. Im Frühling, wenn die Reispflanzen noch klein sind und gänzlich unter Wasser stehen, führt dies zu einem lustigen Effekt: Wenn man irgendwo am Meer entlang auf einen Hügel steigt, so sieht man ringsum nur Wasser. Manchmal kann man nicht mehr sagen, wo nun das Meer aufhört und wo die Reisfelder beginnen.

Kyoto: Als ich nach Japan ging, habe ich gehofft, dass ich die Gelegenheit hätte, um irgendwann mal Kyoto zu besuchen. Im Herbst überraschte mich meine Gastmutter dann mit der Ankündigung, dass wir das folgende Wochenende zusammen nach Kyoto fahren würden. Ich freute mich riesig und habe den Ausflug sehr genossen. Lachen musste ich vor allem, als meine Gastmutter in Kyoto fand: “So, DAS ist nun Japan!”.

Japanisch: Relativ schnell wurde mir in Japan bewusst, dass ich mich auf ein ziemliches Abenteuer eingelassen hatte mit der Sprache. Zwar hatte ich in der Schweiz schon ein bisschen Japanisch gelernt, doch kam ich damit nicht allzu weit. Der Grossvater hat mich jeweils in die Schule gefahren und da er kein Englisch konnte, verlief die Fahrt am Anfang eher schweigsam. Ein sehr schöner Moment war daher, als er eines Tages plötzlich anfing zu lachen und sagte: “Hast du gemerkt, wir haben nun schon die ganze Fahrt hindurch miteinander geredet!”. Und tatsächlich wurde mir erst an diesem Tag bewusst, dass ich ja nun in den Pausen ganz selbstverständlich mit meinen Schulkollegen rumschwatzte, die Lieblingsserie meiner Gastschwester einigermassen verstand und eben, während der Fahrt in die Schule mit dem Grossvater über alles Mögliche redete. Ich glaube das war der Moment, wo ich mich nicht nur wohl, sondern erstmals so richtig zu Hause fühlte in Japan.

Meer: Niigata ist eine Hafenstadt und liegt direkt am Meer. Dazu gehört ein langer Sandstrand und wunderschöne Sonnenuntergänge. Für mich als Schweizerin, die ohne Meer aufgewachsen ist, war dies natürlich etwas ganz Besonderes. Ich war so begeistert, als ich das erste Mal das Meer vor Niigata sah, dass meine Gastfamilie lachen musste. Für sie gehörte das Meer einfach zum Alltag. Während meinem Austauschjahr hat der Grossvater oft einen kleinen Umweg für mich gemacht und ist über die Küstenstrasse nach Hause gefahren!

Wie oft und auf welchem Weg hattest du Kontakt zu deiner leiblichen Familie während dem Austauschjahr?

Ab und zu habe ich Emails geschrieben und meine Eltern haben alle paar Wochen angerufen. Viel von zu Hause mitbekommen habe ich allerdings nicht. Ich hatte selbst so viel zu erzählen, dass meine Eltern kaum zu Wort kamen.

Hast du noch Freunde aus dieser Zeit?

Mit meiner Gastfamilie stehe ich noch regelmässig in Kontakt. Vor zwei Jahren kamen die Gastmutter und die Grossmutter auch einmal in die Schweiz und meine ältere Gastschwester, die selber ein Austauschjahr in der Schweiz gemacht hat, macht im Moment ihre Ausbildung in der Schweiz. So sehe ich sie recht häufig.

Von den Schulkollegen habe ich eigentlich nur noch mit jemandem wirklich Kontakt. Guten Kontakt habe ich zudem noch mit der Bibliothekarin meiner Gastschule. Bei ihr verbrachte ich viele Stunden, da ich einige Fächer nicht belegen musste, und dabei hat sich eine enge Freundschaft entwickelt.

Wie hast du im Austauschjahr die Zeit verbracht? Hattest du ein spezielles Hobby oder Schulfach?

Ich wollte etwas ausprobieren, das ich in der Schweiz nicht machen konnte und so bin ich in der Schule dem Ikebana-Club beigetreten und habe ausserhalb der Schule noch einen Kurs in japanischem Tanz gemacht. Den Tanzkurs besuchte ich mit einer anderen Austauschschülerin und wir hatten sehr viel Spass.

Am Wochenende hat meine Gastfamilie oft etwas unternommen und ich konnte viele Tempel und wunderschöne Landschaften in der Umgebung von Niigata kennen lernen. Einige Male gingen wir auch in ein Onsen (Bad in heissen Quellen), wo ich die japanische Badekultur sehr zu schätzen lernte. Es gibt einfach nichts Schöneres als sich im heissen Wasser zu entspannen und die Natur zu geniessen! Vor allem im Winter wenn man vor lauter Dampf fast nichts mehr sieht.

Am Sonntag habe ich mich auch oft mit Schulfreunden in der Stadt getroffen und wir gingen ins Kino, Karaoke singen oder genossen einen gemütlichen Nachmittag im Starbucks bei einem Maccha Frappuccino.

Welches nationale/internationale Thema hat dein Gastland während deines Austauschjahres besonders beschäftigt?

60 Jahre Hiroshima und Nagasaki

Hand aufs Herz: Hast du dich im Austauschjahr verliebt? Ins Land? Ins Essen? Oder eine Person? Was ist daraus geworden?

Ins Land, in die Menschen und natürlich ins Essen! Noch heute schickt mir meine Gastfamilie immer wieder Maccha (Grünteesorte) in allen Formen. Und wenn ich das nächste Mal in Narita landen werde, wird mein erster Einkauf wohl auch etwas Essbares mit Maccha Geschmack sein 😉

Wie hat das Austauschjahr dein heutiges Leben beeinflusst?

Ich denke, dass ich offener und selbstbewusster bin, als wenn ich nicht im Austausch gewesen wäre. Auch gehe ich vermutlich bewusster auf kulturelle Unterschiede ein und sehe nicht mehr nur den “Schweizer Weg”. Dies fällt mir oft auf, wenn ich an der Uni mit Kollegen diskutiere und mich dann manchmal grässlich darüber aufregen kann, dass sie einfach alles mit ihren Schweizer Wertvorstellungen beurteilen und keinen Raum für andere Interpretationen und Bewertungen lassen. Allerdings denke ich, dass das weniger der Einfluss des Austauschjahres als vielmehr von YFU ist. Aber man erkläre mal den ICL jemandem, der nicht im Austausch war 😉
Ansonsten denke ich, dass der Einfluss des Austauschjahres direkt nach dem Austauschjahr sicher stärker war als jetzt. Es sind in der Zwischenzeit so viele weitere Erfahrungen und Erlebnisse dazu gekommen!

Hast du nach deiner Rückkehr als YFU-Volunteer gearbeitet? Wie lange? In welchen Positionen?

Mein erster YFU-Event war das Re-Entry: Wir waren zu viert und ich sah erstmals das YFU-Büro von innen. Ich war total begeistert, dass ich wieder einmal über mein Austauschjahr reden konnte. Meine Klassenkameraden waren zu diesem Zeitpunkt schon so weit, dass sie bereits beim Wort Japan die Flucht ergriffen. Seither habe ich alles Mögliche bei YFU gemacht: Angefangen habe ich als Kontaktperson und schon bald kamen Infoabende, Interviews und Homecalls dazu. Zuletzt war ich RD, wobei ich bis heute nicht weiss, wie ich da reingezogen wurde!