YFU Switzerland

Gabriela, Schweden 1991/92

Gabriela war 1991/92 Austauschschülerin in Schweden. Sie erzählt uns unter anderem von ihrer Gastfamilie, ihrem Austauschalltag, von Stockholm und wie das Austauschjahr ihr Leben nachhaltig beeinflusst hat.

Bestimmt war der Start in dein Austauschjahr ein grosses Ereignis: Wie bist du ins Austauschjahr gereist?

Da ich bis kurz vor meiner Abreise ins Austauschjahr in einem Lager war, bin ich mit dem Flugzeug von Zürich nach Stockholm geflogen, während sich die andern AustauschstudentInnen aus der Schweiz bereits einen Tag früher per Zug auf den Weg Richtung Skandinavien machten.

Auf der Reise war ich sehr nervös und fühlte mich sehr einsam. Am Flughafen wurde ich von einer YFU-Mitarbeiterin empfangen. Da wir zuerst einige Tage in einem Arrival-Camp verbrachten, musste ich am Flughafen warten, bis noch weitere AustauschstudentInnnen aus Europa eintrafen, unter anderem auch meine “Gspöndli” aus der Schweiz. Gemeinsam fuhren wir dann mit einem Bus ins Lagerhaus am Mälaren.

Wie war der erste Empfang in deiner Gastfamilie?

Zuerst einmal habe ich meine Gastfamilie verpasst. Eigentlich davon überzeugt, dass sie mich im Arrival-Camp abholen würde, fragte ich sicherheitshalber noch bei einer Leiterin nach. Sie schickte mich dann jedoch mit den andern nach Stockholm. Dort am Bahnhof angekommen, wartete natürlich niemand auf mich. Meine Gasteltern waren ins Camp gefahren! Also hiess es wieder: “auf eine Bank sitzen und warten”.

Als meine Gasteltern dann am Bahnhof in Stockholm eintrafen, war der erste Kontakt sehr herzlich. Ich fühlte mich bei ihnen sofort sehr wohl. Zu Hause wurde ich dann von meiner Gastschwester und meinen zwei Gastbrüdern zwar etwas scheu, aber sehr freundlich willkommen geheissen. Meine Gastschwester führte mich sogleich durchs ganze Haus.

Was war dein eindrücklichstes Erlebnis?

Die Reise nach Abisko zur Mitternachtssonne; im Winter die obligatorische Taschenlampe, um nach dem Ausgang nicht von einer Pfütze in die andere zu straucheln; die Lucia-Feier an der Schule; meine Freundinnen und Freunde; die Reise nach St. Petersburg; der Besuch des Königs und der Königin an der Schule; die Nobelpreisverleihung im Globen; das Nordlicht; das erste Mal in meinem Leben Fischen, Jagen und Krebse fangen; die Führsorge meiner Gasteltern; die Streifzüge durch Stockholm; der Studentenabschluss in Uppsala; die unzähligen Strandpartys; beim Skifahren auch die Schwarze Piste noch wirklich einfach zu finden; Temperaturen von -30° (und diese auch ohne Schaden zu überleben); Kalle Anka (Donald Duck) an Weihnachten; der Fährentrip nach Helsinki; Stockholm!

Das eine eindrücklichste Erlebnis gab es damals für mich nicht. Ich habe in diesem Jahr so viel Neues, Einmaliges erlebt. Aus heutiger Sicht ist es jedoch definitiv meine Gastfamilie.

Wie oft und auf welchem Weg hattest du Kontakt zu deiner leiblichen Familie während dem Austauschjahr?

Ich habe etwa alle drei Wochen mit meinen Eltern telefoniert, ansonsten wurden Briefe geschrieben.

Hast du noch Freunde aus dieser Zeit?

Ich habe noch mit vier Frauen ab und zu Kontakt.  Eine meiner besten Freundinnen hier in der Schweiz ist jedoch auch eine YFU-Bekanntschaft und eigentlich auch “aus dieser Zeit”. Wir haben uns an unserem OW in Gwatt gemeinsam die Nacht um die Ohren geschlagen. Sie ist für das Austauschjahr nach Seattle, USA gereist. Während dem Austauschjahr hatten wir keinen Kontakt. Heute sind wir uns gegenseitig Patinnen unserer Kinder und die gemeinsamen, langen Nächte gibt es immer noch.

Wie hast du im Austauschjahr die Zeit verbracht? Hattest du ein spezielles Hobby oder Schulfach?

Ich hatte kein spezielles Hobby oder Schulfach. Ich verbrachte meine Zeit wie wohl die meisten Gleichaltrigen, machte Sport, arbeitete für die Schule oder war mit Freunden unterwegs. Ok, vielleicht machte ich etwas weniger Schularbeit und war dafür etwas mehr in Stockholm unterwegs als andere. Ich liebte Stockholm und wollte möglichst viel von der Stadt sehen. Sonntags war ich oft mit meinen Gasteltern auf Ausflügen oder draussen in der Natur.

Welches nationale/internationale Thema hat dein Gastland während deines Austauschjahres besonders beschäftigt?

Nationale Parlamentswahlen (Abwahl der Sozialdemokraten, Carl Bildt neuer Ministerpräsident), die schwedische Bankkrise und dann waren die beiden dramatischen Ereignisse von 1986, der Reaktorbrand in Tschernobyl und die Ermordung von Olaf Palme, auch fünf Jahre später immer wieder Thema in der Tagespresse.

Hand aufs Herz: Hast du dich im Austauschjahr verliebt? Ins Land? Ins Essen? Oder eine Person? Was ist daraus geworden?

Verliebt habe ich mich in diesem Jahr mehrmals. Geworden ist daraus nichts Ernsthaftes. Geblieben ist die Liebe zu Schweden und natürlich zu meiner Gastfamilie. Auch zwanzig Jahre später besuche ich meine Gastfamilie noch regelmässig, wenn auch nicht mehr so häufig wie in den ersten zehn Jahren. Das Haus meiner Gastfamilie steht mir und meiner Familie jederzeit offen. Es ist wunderschön zu beobachten, wie sich meine Söhne bei meiner Gastfamilie genauso willkommen und wohl fühlen wie ich.

Wie hat das Austauschjahr dein heutiges Leben beeinflusst?

Nachhaltig! Das schöne am Leben ist ja, dass man nicht weiss, wie es gekommen wäre, wenn man sich anders entschieden hätte. Trotzdem bin ich je länger je mehr davon überzeugt, dass das Austauschjahr wohl die wichtigste Weichenstellung in meinem Leben war. Weshalb dem so ist, kann ich kaum in Worte fassen.

Ich wäre auf jeden Fall sicher nicht mit dem Mann verheiratet, mit dem ich es heute bin. Wir sind uns auf der Party vor dem letzten Schultag näher gekommen (was nicht gerade das perfekte Timing war, denn wie soll Frau sich mit Schmetterlingen im Bauch auf Matura-Prüfungen konzentrieren?) Wäre ich nicht in Schweden gewesen, hätte ich das Gymnasium schon ein Jahr früher abgeschlossen und hätte den netten Typen einen Jahrgang unter mir mit keinem Blick gewürdigt. (Mein Mann und ich haben übrigens den gleichen Jahrgang und ich habe es nie bereut, dass ich wegen ihm die Italienisch-Matur vergeigt habe.) Ja, und mit diesem Mann zusammen hat das Leben dann so seinen Lauf genommen… ein erstes Studium wurde abgebrochen, das Zweite in Rekordzeit abgeschlossen, Kinder sind gekommen, der erste Job auch… was wäre wenn nicht Schweden… ??

Zum Glück war das Austauschjahr in Schweden!!

Hast du nach deiner Rückkehr als YFU-Volunteer gearbeitet? Wie lange? In welchen Positionen?

Volunteer, RD von Basel (2 Jahre), Trainerin (7 Jahre)

Da mir die Rückkehr in die Schweiz schwer fiel, ging ich dankbar und glücklich an alle YFU-Events und war ein engagierter Volunteer. Als ich mich dann von dem Reverse-Culturechock wieder erholt hatte, war ich YFU bereits mit Haut und Haaren verfallen. Die Arbeit im Trainerteam war super.

Ich hatte ein tolles Austauschjahr und ich hatte eine wunderbare Gastfamilie. Und ich hatte anschliessend viele tolle Jahre mit YFU. Tausend Dank an alle, die dazu etwas beigetragen haben!