YFU Switzerland

Joana, Finnland 2008/09

Wie bist du ins Austauschjahr gereist?

Ich war mega nervös – ein paar Monate zuvor habe ich Prisca (damals RD der Zentralschweiz) gefragt, ob noch andere Schweizer nach Finnland reisen würden. Doch leider war ich die Einzige!!! Ich hatte also während den knapp 3 Stunden Flug niemanden an meiner Seite, mit dem ich das Ganze hätte verarbeiten können. Ich habe in etwa 15minütigen Intervallen immer wieder angefangen zu heulen.

Wie war der erste Empfang in deiner Gastfamilie?

Ich bin zusammen mit einer anderen Austauschschülerin vom Camp mit dem Zug in die nächstgrössere Stadt gereist, da meine Gastfamilie zu weit weg wohnte, um mich abzuholen. Als ich am Bahnhof ankam, hatte ich erstmal einen Schock: meine Gastfamilie war nicht da!!! Und wieso? Weil der Zug zu früh angekommen war! Als sie dann kamen, wurde ich sofort von meinen kleinen Gastgeschwistern bestürmt. Mein kleiner Gastbruder rief ständig „Katto, katto!“ Ich hatte keine Ahnung, was das hiess, da ich nur „Katso!“ („Schau!“) kannte – ich fand erst später heraus, dass dies tatsächlich „Katso!“ hies, nur im Akzent meiner Region. Der letzte Satz, der am ersten Tag bei meiner Gastfamilie zu Hause in meinem Tagebuch steht, ist: „Sie sind alle sehr nett und der Hund scheint mich zu mögen.“

Was war dein eindrücklichstes Erlebnis?

Beim Amoklauf von Kauhajoki tötete am 23.9.08 ein Berufsschüler in Kauhajoki zehn Menschen in einer Berufsschule. Die Schule lag knapp 25km von meiner entfernt; ich war gerade in der Bibliothek, als es passierte. Meine Gastmutter rief an und fragte mich, wo meine Gastschwester und ich seien. Der Unterricht fiel danach aus, alle waren fassunglos und weinten. Als ich an diesem Abend nach Hause kam, schloss sie mich als erstes fest in die Arme. Dieses Erlebnis, auch wenn es ein negatives war, werde ich nie vergessen.

Wie oft und auf welchem Weg hattest du Kontakt zu deiner leiblichen Familie während dem Austauschjahr?

Am Anfang ca. 1x pro Woche via Telefon, 2009 dann ca. 1x pro Monat via Skype.

Hast du noch Freunde aus dieser Zeit?

Ich habe zu den meisten Mit-Austauschschülern und Klassenkameraden noch Kontakt auf Facebook, ausserdem schreibe ich Briefe an eine Austauschschülerin, die im gleichen Kaff wie ich wohnte. Und Jenni, meine beste finnische Freundin, sehe ich mindestens ein Mal im Jahr. Zu meiner Gastfamilie habe ich nicht mehr so viel Kontakt. Mein Gastvater starb kurz nach meiner Rückkehr in die Schweiz. In der darauffolgenden Zeit brauchte meine Gastfamilie Zeit für sich alleine, um das zu verarbeiten.

Wie hast du im Austauschjahr die Zeit verbracht? Hattest du ein spezielles Hobby oder Schulfach?

Ich habe in Finnland meine Liebe zur Mathematik entdeckt!! Da ich irgendwo im Nirgendwo lebte, war mein einziges Hobby Yoga 1x pro Woche mit lauter Omas. Also musste ich mich anders beschäftigen – und zwar mit Hausaufgaben. Und da die Mathehausaufgaben die Einzigen waren, die ich verstehen konnte, war ich die ganze Zeit wie verrückt am Rechnen!

Welches nationale/internationale Thema hat dein Gastland während deines Austauschjahres besonders beschäftigt?

Der oben genannte Amoklauf ist eins, das mir spontan in den Sinn kommt.

Hand aufs Herz: Hast du dich im Austauschjahr verliebt? Ins Land? Ins Essen? Oder eine Person? Was ist daraus geworden?

Ja, in den Sohn meiner 2. Kontaktperson. Also, eigentlich sahen alle 3 Söhne hervorragend aus, aber einen fand ich ganz toll. Leider wurde nichts draus, denn finnische Jungs sind so was von schüchtern – die sprechen ein Mädchen erst mit etwa 2 Promille im Blut an! Und ich konnte mich zu dem Zeitpunkt einfach noch nicht so richtig ausdrücken.

Wie hat das Austauschjahr dein heutiges Leben beeinflusst?

Ich spreche immer noch Finnisch, was nicht viele von sich behaupten können. 😉  Ja, sicher hat mich das Austauschjahr beeinflusst, aber das lässt sich nicht so einfach beschreiben. Ich glaube, nur ehemalige Austauschschüler können verstehen, was ich meine.

Hast du nach deiner Rückkehr als YFU-Volunteer gearbeitet? Wie lange? In welchen Positionen?

Ja, ich bin direkt als Stamm-Koordinatorin eingestiegen. Ausserdem war ich Kontaktperson, hab bei Interviews mitgeholfen und war an diversen national Events – 2010 bin ich dann RVD geworden. Das mach ich immer noch.

Welches Erlebnis aus deinem Austauschjahr möchtest du uns noch erzählen?

12.6.09 (Freitag)

„Ich schlief bis elf Uhr und sprang nach einer Dusche direkt in meine Sportklamotten. Dann hing ich noch ein bisschen rum, machte mal hier was, mal da was, aber nichts Grosses. Ich verliess das Haus um halb fünf, ohne etwas zu Essen vorbereitet zu haben. Sie werden auch mal ohne mich überleben. Als ich ankam, war erst Tero dort und ich überlegte mir schon, wo wir warten sollten, als schon Titta mit Vili und Jarno kam. Dann gingen wir zum Spielfeld. Titta versuchte nochmals, mir das Spiel zu erklären, allerdings mit mässigem Erfolg. Dafür durfte ich ein paar Schläge ausprobieren, bevor wir anfingen. Immerhin traf ich den Ball, was für mich schon ein gutes Zeichen war. Jenni kam zu spät, aber sie hatte mir eine Nachricht geschickt, dass sie mit Heini und ihrer Cousine Henna auf Camilla und Katka warteten, wodurch sich das erklärte. Ich war mit Jenni, Katka, Henna und Jarno in einer Gruppe, Titta spielte mit Camilla, Vili, Tero und Heini. Es lief dann ganz gut und es machte auch wahnsinnigen Spass!“

(Tagebucheintrag. 2 Wochen vor meiner Rückkehr haben mir meine Freunde zum Abschied finnisches Baseball beigebracht.)