YFU Switzerland

Katriina, Schweiz 1996/97

Wie bist du ins Austauschjahr gereist?

Ich bin ganz alleine von Tallinn über Helsinki nach Zürich geflogen, als erste Austauschschülerin aus YFU-Estland in die Schweiz.

Wie war der erste Empfang in deiner Gastfamilie?

Sie standen alle fünf da und als ich sie sah, dachte ich mir – sie sind ja so kleinwüchsig! Ich war mindestens einen Kopf grösser. Mein Gastvater hat mir als Erstes ganz aufgeregt mitgeteilt: „Du hast ein GA!“ Ich hatte keine Ahnung, was ein GA war, und habe wahrscheinlich nicht genug dankbar reagiert. Doch schnell wusste ich das GA sehr zu schätzen.

Was war dein eindrücklichstes Erlebnis?

Einmal haben mir meine Eltern Geld geschickt für Schuhe, weil meine kaputt gegangen sind. Ich wollte sie kurz anrufen und sagen, dass ich das Geld erhalten habe. Dann bin ich aufs Bähnli gerannt und habe mein Portemonnaie mit dem Schuhgeld sowie GA und Hausschlüssel in die Telefonkabine am Bahnhof Bern vergessen. Mein eindrücklichstes Erlebnis war, dass eine Frau das Portemonnaie aufs Fundbüro gebracht hatte und ich es schon am nächsten Tag abholen konnte. Ein Fundbüro hatte ich noch nie gesehen, so ehrliche Leute auch nicht.

Wie oft und auf welchem Weg hattest du Kontakt zu deiner leiblichen Familie während dem Austauschjahr?

Ich hatte noch keine E-Mail Adresse, und hatte mit meiner Familie vor allem durch Briefe und Fax Kontakt. Ab und zu habe ich nach Hause telefoniert, aber das war teuer. Einmal kam ich nach Hause und meine Gastmutter reichte mir eine halbe Rolle Faxpapier – mein Vater hatte mir mehrere Seiten Blondinenwitze geschickt, noch von Hand geschrieben!

Hast du noch Freunde aus dieser Zeit?

Ich habe einige sehr gute Freunde aus dieser Zeit. Meine Schwägerin war damals meine YFU-Kontaktperson und mit meiner Trauzeugin wohnte ich im gleichen Dorf und ging in die gleiche Klasse im Gymnasium Kirchenfeld. Meine Gastfamilie ist meine zweite Familie geworden und wir haben seit meinem Austauschjahr einen sehr guten Kontakt. Ich denke, da ich nie wirklich weg ging, hatten sie keinen Platz mehr für weitere Austauschschüler. Einmal hat jemand meinem Gastvater gesagt, in seiner Familie seien alle eben relativ klein. Er antwortete empört, das sei also sicher nicht so, die Katriina ist doch sehr gross!

Wie hast du im Austauschjahr die Zeit verbracht? Hattest du ein spezielles Hobby oder Schulfach?

Ich bin vor allem in der Schweiz rumgereist. Ich liebte Zugfahren und konnte an einem Nachmittag nach Genf fahren, einfach so, ein Sandwich essen und zurück. Im English Theatre Upstage Berne habe ich im 1997 in der Komödie Albert von Richard Harris die Hauptrolle einer Finnischen Babysitterin gespielt. Es war ein tolles Gefühl, als meine ganze Klasse schauen kam.

Welches nationale/internationale Thema hat dein Gastland während deines Austauschjahres besonders beschäftigt?

Melanie Winiger wurde Miss Schweiz. Ich finde, sie ist immer noch die schönste Frau im Land. Und der Hitsong des Jahres war Macarena. Gianni Versace wurde erschossen und Schaf Dolly geboren. Sonst kann ich mich nur noch an wenige Ereignisse erinnern – das Austauschjahr war bunt genug.

Hand aufs Herz: Hast du dich im Austauschjahr verliebt? Ins Land? Ins Essen? Oder eine Person? Was ist daraus geworden?

Ja, ich habe mich verliebt. In das ganze Land. Und dann hat auch noch ein Berner Giel sich in mich verliebt, und daraus wurde so eine typische Austauschjahrbeziehung, in der die Austauschschülerin die Sprache am besten lernt!

Wie hat das Austauschjahr dein heutiges Leben beeinflusst?

Ich denke, ohne mein Austauschjahr wäre mein Leben heute ganz anders. Ich würde kein Deutsch sprechen, ich hätte es wahrscheinlich auch nicht studiert. Ich wäre dann keine Lehrerin geworden, und hätte auch kein Schweizer Internat geleitet. Ich hätte meinen Mann nicht kennengelernt und müsste in der Weihnachtszeit nicht versuchen, nicht nur in zwei Familien zu feiern, sondern auch in zwei Ländern. Das Leben wäre so viel langweiliger geworden.

Hast du nach deiner Rückkehr als YFU-Volunteer gearbeitet? Wie lange? In welchen Positionen?

Ich war jahrelang eine sehr engagierte Freiwillige von YFU Estland. Ich habe Interviews durchgeführt, YFU-Touren in estnischen Schulen gemacht, war 4 Jahre Board-Mitglied. In 2006 habe ich mich nochmals der YFU-Welt gewidmet und ein Jahr für YFU-Schweiz gearbeitet, als Intern im Büro.

Kannst du dich noch an ein lustiges Erlebnis erinnern?

Zwei Sachen werde ich nie vergessen: Was ein Steissbein ist und wie man Socken falten muss. Das ging so.

Nach dem ersten Tag in Ski Camp habe ich mich verletzt. Es gab dort so einen sehr hübschen Skilehrer, der aber wenig Geduld hatte für eine Estin und ungefähr zehn Südamerikanerinnen. Die erste sah das erste Mal Berge und der Rest Schnee. Also ab auf die Piste. Ich konnte halt nicht gut bremsen und am nächsten Morgen nicht aufstehen. Ich konnte schon gut Deutsch, aber was mir weh tat, wusste ich nur auf Estnisch, Finnisch oder Englisch zu sagen (tail bone). Also übersetzte ich es wortwörtlich mit „Schwanzknochen“ und die Südamerikanerinnen sind mit dieser Mitteilung die Treppe hinunter, zu den Trainern. Am Ende des Camps bekam ich so ein Diplom für den besten Witz des Lagers. Skifahren lernte ich also nie, die Geschichte ist aber seit dem eine super Unterhaltung geblieben.

In meiner Gastfamilie hatten wir alle Ämtlis. Wir waren fünf Kinder, da hatten wir nicht genau den Überblick, wer was machte. Eines Abends kam der Gastvater schlecht gelaunt in die Stube und warf einen Haufen Socken auf den Tisch. Mir lief es kalten Rücken hinunter – es waren die Socken, die ich doch so sorgfältig in kleinen Tennisbällen zusammengelegt hatte. Der Familienrat beschliess dann, die Katriina muss lernen Socken richtig, flach zusammenzulegen. Ich bekam Nachhilfe und der Gastvater hatte wieder Platz in seiner Kommode.