YFU Switzerland

Gertrud, USA 1975/76

Gertrud verbrachte das Jahr 1975/76 im US-Bundesstaat Conneticut. In unserem Interview berichtet sie von Liebeskummer, dem herzlichen Empfang ihrer Gastfamilie und vielen eindrücklichen Erlebnissen im Bicentennial-Jahr der USA. Ein Austauschjahr in den USA würde sie bei Gelegenheit gleich nochmals machen.

Wie bist du ins Austauschjahr gereist?

Meine Schwester war eben aus ihrem Austauschjahr zurückgekehrt. Wir hatten über den Sommer eine Amerikanische Schülerin bei uns. Im Jahr zuvor 1974 hatten wir schon eine Sommerstudentin, genauso eine bekannte Familie im Nachbardorf. In diesen zwei Jahren waren die Sommer geprägt von Amerika, Englisch aber auch der Schweiz, weil wir ja unseren Studenten etwas von unserem Land zeigen wollten. Ich reiste voller Erwartung in die USA, bereit mich anzupassen und so viel wie möglich über das Land und vor allem die Menschen zu lernen. Es war mein erster Langstreckenflug, aber in einem Flugzeug voll mit aufgeregten schweizer Schülern fühlte ich mich immer noch fast wie zu Hause. Ich hatte mich kurz vor unserer Abreise verliebt und mein stärkstes Gefühl auf dem Flug war Liebeskummer.

Wie war der erste Empfang in deiner Gastfamilie?

US-Bundesstaat Conneticut
Grafik: TUBS / Wikimedia Commons

Auf dem Weiterflug von Detroit nach Hartford Connecticut war ich dann alleine. Ich weiss noch, dass der Flug ziemlich unruhig war. Ich war aber zu nervös, um allzu viel davon zu merken. In Hartford wurde ich von meiner Gastfamilie abgeholt. Ich wurde ausserordentlich freundlich aufgenommen und fühlte trotz vieler für mich neuen Regeln im Familienleben schnell zu Hause. Ich wollte mich anpassen und nicht zu vorschnell urteilen. Trotzdem kam ich bei meiner ersten Konfrontation mit rassistischen Regeln (die jüngeren Geschwister durften nicht mit schwarzen Kindern auf dem gleichen Spielplatz spielen) an meine Grenzen. Leider musste meine Gastmutter ins Krankenhaus und ich musste die Familie wechseln. Der Empfang bei meiner zweiten Familie (mit italienischen Wurzeln) war herzlich, warm und sehr gefühlvoll. In der Umarmung meiner Mom fühlte ich mich gleich geborgen.

Was war dein eindrücklichstes Erlebnis?

Es gibt viele eindrückliche Erlebnisse schliesslich war ich im Bicentennial Jahr in den USA! Es gab sehr viel positives und auch einiges negatives. Was mich am allermeisten beeindruckt hat, war, dass sich ein Teenager im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ohne Auto eingesperrt vorkommt und vierspurige Strassen ohne Lichtsignalanlage für Fussgänger ein fast unüberwindliches Hindernis sind. Ich war auch tief beeindruckt, dass eine Familie wohl 4 Fernseher aber keinen Staubsauger besitzt. Was ich aber für mich als wichtigstes mitgenommen habe ist positiv und offen auf die Menschen zu zugehen und keine Hemmungen vor dem Kontakt mit Mitmenschen zu haben.

Wie oft und auf welchem Weg hattest du Kontakt zu deiner leiblichen Familie während dem Austauschjahr?

Für mich waren Briefe der Kontakt mit zu Hause. Vor allem am Anfang habe mindestens einmal pro Woche nach Hause geschrieben und ebenso viele Briefe bekommen. Auch mit meinen Freunden war der Kontakt nur über Briefe. Mit meiner Familie habe ich nur etwa dreimal telefoniert. Diese Anrufe waren sehr teuer und beschränkten sich auf das Wichtigste. Es war keine Zeit, um Erlebnisse zu erzählen. Dafür haben wir uns zu Weihnachten und zum Geburtstag Tonbandaufnahmen geschickt.

Hast du noch Freunde aus dieser Zeit?

Leider habe ich nur noch losen Kontakt zu meiner Familie. Wir haben aber noch guten Kontakt zu einer unserer amerikanischen Austauschstudentinnen.

Wie hast du im Austauschjahr die Zeit verbracht? Hattest du ein spezielles Hobby oder Schulfach?

Ich war als „Manager“ d.h. als Matchblattführerin und Mädchen für alles im Landhockey und Basketballteam. Ich machte mit bei der Varietéshow unserer Schule. An den Wochenenden arbeitete ich mit dem städtischen Hundefänger und betreute die herrenlosen Hunde in der Auffangstation. Der Hundefänger war der Polizei angeschlossen und so kam ich auch etwas mit von der Polizeiarbeit in der Stadt.
Welches nationale/internationale Thema hat dein Gastland während deines Austauschjahres besonders beschäftigt?

Mein Austauschjahr war geprägt durch die 200-Jahrfeier der USA. Alles war red white and blue.

Hand aufs Herz: Hast du dich im Austauschjahr verliebt? Ins Land? Ins Essen? Oder eine Person? Was ist daraus geworden?

Verliebt habe ich mich nicht weder in einen Mann noch ins Land.

Wie hat das Austauschjahr dein heutiges Leben beeinflusst?

Ich habe in den USA die Schweiz schätzen gelernt. Ich habe gelernt, dass wir in vielem aufgeschlossener und toleranter sind als die Neuengländer. Ich habe aber auch gelernt andere Menschen zu akzeptieren auch wenn sie anders denken als ich. Vor allem aber habe ich gelernt nicht aufzugeben auch wenn es nicht immer einfach ist.

Ich möchte mein Austauschjahr nicht missen, auch wenn nicht zu jenen gehöre, die sich in Amerika verliebt haben oder noch intensiven Kontakt zu ihrer Familie haben. Ich würde wieder gehen, in die USA oder ein anderes Land. Diese Chance gönne ich allen jungen Menschen. Für mich war es der richtige Zeitpunkt, ich war noch genug offen für Neues und Anderes und bereit mich anzupassen. Auch wenn mich das Heimweh manchmal geplagt hat war es gut. Vor allem das zweite Halbjahr, das habe ich richtig geniessen können. Daher würde ich auch allen empfehlen ein ganzes Jahr zu gehen und nicht nur ein halbes. Zurück in der Schweiz kam ich in eine andere Klasse und konnte mit meinen neuen Erfahrungen neue Freunde finden. Die alten sind mir zum grössten Teil geblieben. Ich glaube fast sagen zu können mein Austauschjahr hat mich für das Leben geprägt.