YFU Switzerland

Simone, USA 1994/95

Wie bist du ins Austauschjahr gereist?

Mit dem Flugzeug. Meine Eltern und mein Freund brachten mich mit dem Auto nach Kloten, wo ich dann zum ersten Mal ohne elterliche Begleitung ein Flugzeug bestieg. In Chicago holte mich meine Gastfamilie am Flughafen ab.

Wie war der erste Empfang in deiner Gastfamilie?

Seltsam wars. Ich wollte sie mit Küsschen begrüssen, wusste aber, dass man dies nicht tun sollte (so haben wirs damals im OW gelernt). Also streckte ich ihnen hilflos die Hand entgegen. Sie wiederum wollten mich umarmen und liefen in meine ausgestreckte Hand… Kurz darauf fragten sie mich, ob ich den ‚bathroom’ benützen müsse. Aus meinem Schulenglisch wusste ich noch, dass das das Badezimmer ist und dachte sofort an Dusche und Badewanne. Dass man sich in den USA bei der Ankunft am Flughafen duscht war mir neu, aber der Gedanke gefiel mir. Also sagte ich ’ja’ und trottete meiner Gastschwester nach. Als ich keine Dusche im besagten bathroom fand, entschloss ich mich, mich unter dem Lavabo zu waschen. Valerie, meine Gastschwester, wurde ganz bleich, als sie sah, dass ich mir mit einer Papierserviette in aller Öffentlichkeit das Gesicht und die Achselhöhlen wusch.

Was war dein eindrücklichstes Erlebnis?

Das eindrücklichste Erlebnis war sicherlich, als ich das erste Mal mit dem Auto durch Chicago fuhr. Mit offenem Mund betrachtete ich die Wolkenkratzer und den 6-spurigen Lake Shore Drive und versuchte alles zu knipsen, das vor meiner Linse erschien. Ich war so auf gute Bilder versessen, dass ich mich so weit aus dem Fenster lehnte, dass meine Kamera aus meinen Händen glitt und den Asphalt küsste. Glücklicherweise standen wir an einer Ampel und ich konnte meinen Fotoapparat zurückholen. Durch den Sturz verfing sich allerdings der Film und so wurde er mehrmals belichtet, was zu skurrilen Aufnahmen von den Wolkenkratzern führte.

Wie oft und auf welchem Weg hattest du Kontakt zu deiner leiblichen Familie während dem Austauschjahr?

Wir telefonierten einmal pro Monat, wobei wir die genauen Zeiten Wochen im Voraus festlegten. Insgesamt verbrachten wir ca. eine Stunde mit Plaudern, was jeweils 90$ kostete. Ansonsten schrieben wir uns Briefe, die jedoch erst nach mehr als einer Woche ankamen.

Hast du noch Freunde aus dieser Zeit?

Ja, dank Facebook habe ich ein paar alte Freunde wiedergefunden. Auch mit meiner 2. Gastfamilie habe ich noch Kontakt. Besucht habe ich sie allerdings erst zweimal.

Wie hast du im Austauschjahr die Zeit verbracht? Hattest du ein spezielles Hobby oder Schulfach?

Ich war im Track and Field und im Crosscountry Team unserer Schule. Wir trainierten täglich zwei Stunden nach der Schule bis ca. 16 Uhr. Ansonsten ging ich oft ins Kino mit meinen Freunden oder wir fuhren die Strassen auf und ab. Tatsächlich, so verbrachten die meisten amerikanischen Teenager ihre Zeit. Im Auto lief das Radio und alle sangen lauthals die beliebtesten Lieder mit.

Welches nationale/internationale Thema hat dein Gastland während deines Austauschjahres besonders beschäftigt?

Ich erinnere mich noch an den Massenselbstmord der Sonnentempler in der Schweiz. Dieses Ereignis wurde auch in den USA diskutiert und immer wieder wurde ich gefragt, ob ich Leute kenne, die bei der Sekte sind und ob ich jetzt auch den Wunsch verspüre, meinem Leben ein Ende zu setzen.

Hand aufs Herz: Hast du dich im Austauschjahr verliebt? Ins Land? Ins Essen? Oder eine Person? Was ist daraus geworden?

Ich habe mich zuerst in meine zweite Gastfamilie verliebt. Sie nahmen mich sofort auf, als ich eine neue Familie brauchte und unterstützten mich in allen Bereichen. Noch nie hatte ich eine so herzliche Gastfreundschaft erlebt. Und ja, natürlich verliebte ich mich auch in einen Amerikaner… Doch während die erste Liebe bis heute anhält, endete die zweite kurz nach meiner Heimreise. Der Abstand war doch zu gross.

Wie hat das Austauschjahr dein heutiges Leben beeinflusst?

Die Tatsache, dass ich in einer mir damals fremden Kultur gelebt habe, hat mich als Person verändert. Es hat mir gezeigt, dass es meist nicht nur eine Möglichkeit gibt, Dinge anzugehen. Ausserdem lernte ich in diesem Jahr selbstständig zu sein und zu mir und meiner Andersartigkeit zu stehen.

Hast du nach deiner Rückkehr als YFU-Volunteer gearbeitet? Wie lange? In welchen Positionen?

Ich arbeitete zuerst als Volunteer in der Region Solothurn mit, wo ich v.a. bei Interviews mithalf. Später übernahm ich die Region Basel zuerst zusammen mit Gabriela und nachher alleine. Ausserdem organisierte ich internationale Events wie das YES oder das IRS. Schliesslich war ich noch vier Jahre im Board von YFU Schweiz.