YFU Switzerland

Christoph, USA 1976/77

Christoph verbrachte 1976/77 ein Austauschjahr in St. Claire Shores, Michigan. In unserem Interview erzählte er uns, dass sein Austauschjahr für ihn ein Aufbrechen und Ausbrechen war und seine Jugend prägte.

Wie bist du ins Austauschjahr gereist?

Meine Familie brachte mich mit dem Auto nach Kloten zum Flughafen. Dann Flug nach USA – ich glaube wir sind in Chicago gelandet. Und von dort dann “zurück” nach Detroit. Hier holten mich meine amerikanischen Eltern ab. Wir fuhren dann über breite amerikanische High Ways quer durch Agglomeration von Detroit nach St. Claire Shores MI. Ich gewann erste Eindrücke von der bereits serbelnden Motor Town und der gefürchtete Murder Capital of the World.

Wie wurdest du von deiner Gastfamilie empfangen?

Sehr warm. Es war August und meine Eltern luden einen angehenden Senior der High School zum gemeinsamen Grillieren ein. Das erste Mal, das ich Maiskolben ass. Dazu Spare Ribs vom Grill. Mein Dad, ein Lehrer an meiner High School, strahlte Gelassenheit aus. Ein erstes langes Gespräch im Garten über Gott und die Welt. Das war ein guter Start in das gemeinsame Jahr. Ein Jahr zu Dritt. Die drei Töchter meiner Gastfamilie sind alle einige Jahre älter als ich. Die jüngste war 1976 bereits als Sophomore in St. Louis MO im College, die beiden älteren verheiratet irgendwo in den Staaten. Im Winter wohnte für eine befristete Zeit Enrique noch bei uns, ein mexikanischer Austauschschüler, der seine Gastfamilie wechseln musste.

Was war dein eindrücklichstes Erlebnis?

Der Senior Trip zu den Niagara Fällen, Boston und Manhattan. Eine Reise im Bus während einer ganzen Woche. Nach 9 Monaten in den Vororten von Detroit stand ich unter anderem im Hafen von Boston, wie ich 5 Jahre früher mit meinem Vater auf einer Ferienreise in Hamburg im Hafen war. Mit den Eindrücken von der Busfahrt durch die Hügellandschaft von Upper New York und Neu-England im Frühling, fand ich mich in einer zwar grossstädtischen, aber doch viel europäischeren Umgebung, als ich sie von St. Claire Shores her kannte.

St. Claire Shores als Vorort von Detroit ist entweder geprägt durch Villen von weissen Vermögenden des oberen Mittelstandes. Oder die schachbrettartig ausgelegten Quartierstrassen mit den eingeschossigen Familienhäusern mit Front- und Backyard, separater Garage und den Fliegengittern in Türen und Fenstern. Entlang der Avenues Gas Stations, Restaurants, Mals oder irgendwelche Liquor Stores. In St. Claire Shores fühlte ich mich gefangen, konnte ich mich doch nur bewegen, wenn mich jemand mit dem Privatwagen chauffierte. Oder wenn ich zu Fuss dorthin ging, wo ich hin wollte. Kein Bus und kein Fahrrad, die mir zuhause Mobilität garantierten.

Boston und Manhatten sind als Grossstädte ja weder besonders europäisch oder vertraut wie mein Wohnort Solothurn. Trotzdem schrieb ich nach Hause, dass ich das europäische an der Ostküste geniessen würde.

Wie oft und auf welchem Weg hattest du Kontakt zu deiner leiblichen Familie während dem Austauschjahr?

Briefe waren damals der einzige Weg, den Kontakt zu pflegen. Briefe fast immer auf Flugpostpapier. Dies ist heute im Zeitalter von Mail, Internet, Skype und Social Networks unvorstellbar. Als 17-jähriger fiel mir das Briefe schreiben mit “Liebe Mutter, lieber Vater …” sehr schwer. Das wiederum war belastend für meine Eltern, speziell meine Mutter, die gerne von ihrem Ältesten öfters und umfassender Nachrichten aus der Ferne erhalten hätte. Zu Weihnachten erhielt ich ein Paket und wir leisteten uns eines der sehr teuren Telefongespräche.

Hast du noch Freunde aus dieser Zeit?

In den Jahren unmittelbar nach dem Austausch pflegte ich mit meinen amerikanischen Eltern den Kontakt mit Briefen und gegenseitigen Besuchen. In Europa sind wir 1980 während zwei Wochen gemeinsam gereist. Leider liess ich dann den Kontakt Mitte der 80er Jahre abbrechen. 2005 liessen sich die Adressen weder direkt noch indirekt über die jüngste Tochter wieder knüpfen.

Auch der Kontakt zu meiner Schulkollegin an der High School riss nach meinem Besuch anfangs der 80er-Jahre ab.

Wie hast du im Austauschjahr die Zeit verbracht? Hattest du ein spezielles Hobby oder Schulfach?

Ich nutzte viele Angebote an der Schule, die in der Form an der Kantonsschule zu Hause unbekannt waren. Ein Kurs in Metallbearbeitung, Mitglied im Chor und im Wintersemester die Vorbereitung und Teilnahme an einem dieser mir vorher unbekannten Music Contests mit Vortragsübungen. Mit meiner Altflöte gewann ich eine Auszeichnung und erhielt die Einladung, an einer weiteren Runde des Wettbewerbes teilzunehmen. Das liess ich dann aber sein. Ich hätte ohne Unterricht neue Vortragsstücke einüben müssen. Das schaffte ich nicht. Im Sport versuchte ich mich als Mittelstreckenläufer. Das Training und die Einführung in den Laufsport waren nicht optimal. Ich musste dann aus gesundheitlichen Gründen die Teilnahme am Leichtathletik-Training während dem Semester abbrechen.

Ich erinnere mich an die Termine im Barber Shop, zu welchen mein Dad mich regelmässig mitnahm. Als ehemaliger Offizier pflegte er seinen Haarschnitt nicht mehr so streng wie früher, aber immer noch sehr gepflegt und ausrasiert. Beim Coiffeur nahmen wir abwechselnd Platz auf dem Stuhl, spielten eine Partie Eight Ball oder übten während dem Warten einzelne Stösse.

Welches nationale/internationale Thema hat dein Gastland während deines Austauschjahres besonders beschäftigt?
1976 war das Jubiläumsjahr – The Bicentennial. Im Herbst 1976 wurde Jimmy Carter als neuer Präsident gewählt und im Januar 1977 vereidigt.Hand aufs Herz: Hast du dich im Austauschjahr verliebt? Ins Land? Ins Essen? Oder eine Person? Was ist daraus geworden?

Ich liess es sein. Cheryl hatte bereits einen Boyfriend. Wir trafen uns oft als gute Freunde, weil wir zusammen Musik spielten. In ihrer deutschstämmigen Familie war ich immer sehr willkommen. Cheryl half mir, mich zu orientieren. Z.B wenn es darum ging, am Prom teilzunehmen, eine Schülerin als Balldame einzuladen und den Smoking für den Ball zu organisieren.

Wenn ich nach dem Schuljahr nicht nach Hause geflogen wäre, wäre nach dem Senior Trip und den Abschlussfeierlichkeiten die erste Liebe entstanden. Mit meiner Unsicherheit auf diesem Parket und der Aussicht, Ende Juli abzureisen, reichte die Zeit und der Mut nicht, mir meine Schmetterling für Betty einzugestehen. Der anfängliche Briefwechsel versandete später, als auch klar wurde, dass ich nicht in USA studieren würde.

Zu Cheryl hatte ich noch länger Kontakt und besuchte sie noch einmal nach fünf Jahren in Detroit. Ich war in einem Zwischenjahr für eine 2-monatige Reise bei meinen Eltern in Florida. Danach brach der Kontakt leider auch ab.

Wie hat das Austauschjahr dein heutiges Leben beeinflusst?

Einen direkten Einfluss erkenne ich nicht. Nach meinem Austauschjahr hätte ich gerne an der University of Michigan oder an der UCLA studiert. Dieses Vorhaben musste ich aber fallenlassen, weil ich damals die Möglichkeit nicht hatte, einen fünfstelligen Betrag pro Studienjahr aufbringen zu können. Und einen Weg, wie ich diese Klippe hätte umschiffen können, erkannte ich nicht.

Indirekt meine ich aber, dass das Austauschjahr ein sehr wesentliches Erlebnis für mich als heranwachsender Jugendlicher war. Das Austauschjahr war die Chance, eine eigene Visionen aufzunehmen und diese dann beharrlich zu verwirklichen. Das begann damit, sich von der Idee anstecken zu lassen, als Schüler für ein Jahr nach USA zu reisen. Dies war wie vieles andere für meine Eltern undenkbar und befremdend. Aufbrechen und Ausbrechen gehören zum Weg, der zu Neuem, Unbekannten und Anderen führt. Beharrlichkeit, die Idee umzusetzen, und die Ausdauer, zu bleiben, auch wenn dann vieles in der Fremde schwierig war, sind wesentliche Eigenschaften, die auf diesem Weg nötig sind. So gesehen ist das Austauschjahr in meinem Leben ein erster dicker Knoten in einem roten Faden, der sich durch mein privates und berufliches Leben hindurchzieht.

Hast du nach deiner Rückkehr als YFU-Volunteer gearbeitet?

Nein, das habe ich nicht. Ich persönlich konnte meine ganze Ausbildung unabhängig gestalten, weil ich schon während meiner Zeit am Gymnasium an freien Nachmittagen in der Industrie oder im Detailhandel gearbeitet habe. Stipendien und am Schluss des Studiums Darlehen erlaubten es mir, während der Semester mich auf das Studieren und in den der Semesterferien auf die Vorbereitung der Prüfungen konzentrieren zu können. Meinen Beitrag bei YfU sehe ich darin, den YfU Stipendien Fonds zu unterstützen.