YFU Switzerland

Luzia, Argentinien 2001/02

Wie bist du ins Austauschjahr gereist?

Eigentlich war die Anreise nicht sehr spektakulär: mit dem Zug an den Flughafen in Zürich und dann mit dem Flugzeug via Madrid nach Buenos Aires. Nach den Vorbereitungstagen mit allen AustauschschülerInnen musste ich für die letzte Etappe zu meiner Gastfamilie in Río Gallegos noch einmal ca. 2 Stunden ganz in den Süden von Argentinien fliegen.

Wie war der erste Empfang in deiner Gastfamilie?

Schön! Ich erinnere mich noch gut wie meine ganze Gastfamilie (Vater, Mutter, Schwester und Bruder) alle mit einem selbstgebastelten Schild in der Ankunftshalle warteten und mir schon von weitem sehr aufgeregt und freudig zuwinkten. Zu Hause angekommen wurde ich von meiner Schwester gleich in unser gemeinsames Zimmer gebracht und ich musste sofort alles auspacken. Ich war dann ganz froh, als ich endlich in der Küche vor einer Tasse Tee sass. (Ja Tee! Zitat Gastmutter für den Rest des Jahres: „Du solltest eine heisse Schokolade trinken, Tee ist doch nur schmutziges Wasser.“ Die Frage, ob ich meine Schokolade heute schon getrunken habe, kommt noch bis heute am Telefon…)

Was war dein eindrücklichstes Erlebnis?

Die Geburt von meinem zweiten Gastbruder. Vier Tage vor meiner Heimreise kam Francisco auf die Welt und es ist sehr schön, konnte ich ihn noch kennenlernen.

Wie oft und auf welchem Weg hattest du Kontakt zu deiner leiblichen Familie während dem Austauschjahr?

Den meisten Kontakt hatte ich per Post. Ich schrieb ca. alle 3 Wochen (gegen Ende eher seltener) eine Brief und habe selber natürlich von meiner ganzen Familie auch sehr viel Post erhalten. E-Mails schrieb ich sehr selten und telefoniert haben wir vielleicht etwa 1 Mal pro Monat. Ich suchte den Kontakt zu meiner Familie in der Schweiz nicht sehr, sondern genoss mein Leben in meiner eigenen neuen Umgebung. Es war aber natürlich immer schön, von der Schule nach Hause zu kommen und Post auf dem Küchentisch zu finden.

Hast du noch Freunde aus dieser Zeit?

Mit zwei Freundinnen aus meiner Schulklasse habe ich noch sporadischen Kontakt. Sonst ist vor allem der Kontakt mit meiner Gastfamilie geblieben. Im Jahr 2011 habe ich alle das letze Mal besucht und die Freundschaften wieder etwas aufgefrischt. Eine sehr gute Freundschaft, die bis heute besteht, ist mit einer anderen Austauschschülerin, die im selben Jahr in Argentinien war. Während dem Austauschjahr hatten wir zwar kaum Kontakt, danach in der Schweiz aber einige Jahre zusammen gewohnt.

Wie hast du im Austauschjahr die Zeit verbracht? Hattest du ein spezielles Hobby oder Schulfach?

In die Schule ging ich nicht sehr gerne. Da ich aber sehr gerne singe und Flöte spiele, suchte ich mir schnell einen Chor. An diese Zeit erinnere ich mich sehr gerne und oft: vier Mal pro Woche am Nachmittag Probe mit dem Mädchenvokalensemble „Leitmotiv“, zwei Mal am Abend Probe mit dem Unichor und daneben habe ich mit der Dirigentin und Organistin regelmässig Flöte gespielt. Zusätzlich nahm ich Tango- und Folkloretanzunterricht.

Welches nationale/internationale Thema hat dein Gastland während deines Austauschjahres besonders beschäftigt?

9/11 war in Argentinien nur am Rande ein Thema, denn Argentinien hatte selber eine sehr schwieriges Jahr. Im Dezember 01 brach das gesamte Finanzsystem zusammen. Nach dem Rücktritt des amtierenden Präsidenten, hatte Argentinien innert zwei Wochen vier verschiedene Präsidenten. Der Peso wurde vom Dollar entkoppelt und massiv abgewertet, was dazu führte, dass die Preise für Importware (auch Medikamente) bis um das achtfache anstiegen. Ein grosser Teil der Bevölkerung verlor ihr Erspartes. Es gab tägliche Demonstrationen und Supermärkte wurden geplündert. In der Provinz Santa Cruz, wo ich mein Austauschjahr verbracht habe, hat man von der Krise nicht all zu viel gemerkt. Wegen des Erdgas- und Erdölvorkommens ist es eine der reichsten Provinzen. Die Anspannung und Angst unter der Bevölkerung hat man aber auch bei uns gespürt.

Hand aufs Herz: Hast du dich im Austauschjahr verliebt? Ins Land? Ins Essen? Oder eine Person? Was ist daraus geworden?

Ich habe mich definitiv in den Himmel und die Landschaft Patagoniens verliebt. Das Wetter, die Wolken, die Sonnenauf- und untergänge und die Sterne sind einmalig. Daraus geworden ist ein nicht-abreissender Drang nach Patagonien zu reisen und dort die Natur zu geniessen.

Ok, ich hatte mich auch sonst verliebt. Wir waren aber beide zu scheu und wurden in der Folge einfach ein Jahr lang rot wenn wir uns sahen. Lustig ist, dass wir uns knapp 2 Jahre nach meinem Austauschjahr per Zufall an einer Busstation in einer ganz anderen Ecke Argentiniens getroffen haben.

Wie hat das Austauschjahr dein heutiges Leben beeinflusst?

Ob ich mich in diesem Jahr verändert habe und wie das Austauschjahr mein Leben beeinflusst hat, weiss ich nicht. Ich bin sicher an dieser Erfahrung gewachsen und sie hat definitv Spuren in meinem Leben und meiner Persönlichkeit hinterlassen. Eine sehr bereichernde Erfahrung war der neue Blick auf die Schweiz ,mit all ihren positiven und negativen Seiten. Gleich wichtig wie das Austauschjahr sind für mich die Erfahrungen, die ich als Volunteer bei YFU sammeln durfte. Eine Chance die mich definitiv weitergebracht hat. Vielen Dank!

Hast du nach deiner Rückkehr als YFU-Volunteer gearbeitet? Wie lange? In welchen Positionen?

Ich habe gleich nach meiner Rückkehr als regionaler Volunteer in Basel angefangen. Ich war dann 3 ½ Jahre RD und nun seit 5 ½ Jahren Trainerin. Ein halbes Jahr habe ich auch noch als Intern für YFU Kanada gearbeitet.