YFU Switzerland

Marco, USA 1984/85

Wie bist du ins Austauschjahr gereist?

Mit dem Flugzeug, Lockheed TriStar der TWA. Ticket nach New York und Anschluss nach Dallas. Ob Weiterflug, Arrival Family und Ort noch unbekannt.

Wie war der erste Empfang in deiner Gastfamilie?

Am Flughafen von El Paso, TX, todmüde von Area Rep abgeholt und zur Arrival Familie gebracht worden. Ich weiss nichts mehr von den ersten Tagen, mein Englisch war ziemlich schlecht und meine Gastmutter hat mir mal gesagt, sie habe das Gefühl, ich hätte am Anfang nichts verstanden. Nach drei Tagen wurde mir eröffnet, dass ich bei den Estes bleiben könne – „He looks so cute when he sleeps…“

Was war dein eindrücklichstes Erlebnis?

Mehrere:
El Paso liegt am Rio Grande, welcher dort die Grenze zu Mexico macht. Nachbarstadt ist Juarez, mittlerweile die „gefährlichste Stadt der Welt“. Wenn man vom Mt. Franklin gegen Süden schaute, über die grosse Stadt El Paso und den Riesenmoloch Juarez war das schon eindrücklich. Bei Tag fielen einem die Diskrepanzen in Baustilen, Zerfall und Lebensqualität auf, in der Nacht waren die Lichter von El Paso hell, neonweiss oder farbig, die Lichter von Juarez gelblich schmutzig und flackernd.

Die Wüste um El Paso herum – wenn man sieht, wie lebendig, vielfältig und schön eine Wüstenlandschaft sein kann. Einer meiner Gastbrüder hat Geologie und Geschichte studiert und mich manchmal auf Exkursionen oder Ausflüge in die Wüste mitgenommen, inklusive suchen und finden von indianischen Artefakten (Pfeil- und Speerspitzen, Schmuck, Topfscherben), Tiere beobachten (und essen – Schlangen schmecken furchtbar), Pflanzen
betrachten, einmal ballonfahren etc. Häufig unter stahlblauem Himmel bei 45°C (but it’s a dry heat und deshalb sehr aushaltbar). In der Nacht eine wunderbare Stille, nur durchbrochen durch die Geräusche kleiner Tiere….

Wie oft und auf welchem Weg hattest du Kontakt zu deiner leiblichen Familie während dem Austauschjahr?

Ich war sehr schreibfaul – vielleicht habe ich im Ganzen sechs Briefe geschrieben. Meine Eltern haben mir jede 2. Woche den „AlpenBlick“ (wir wohnten damals an der Alpenblickstrasse) mit Zeitungsauschnitten und News der Familie gesandt.

Telefoniert haben wir einmal, gerade nach meiner Ankunft, da die Eltern ja nicht wussten, wohin es mich verschlagen sollte.

Hast du noch Freunde aus dieser Zeit?

Jetzt habe ich dank Facebook wieder vermehrt Kontakte mit ehemaligen Schulkollegen.

Welches nationale/internationale Thema hat dein Gastland während deines Austauschjahres besonders beschäftigt?

Wahlkampf Ronald Reagan – Walter Mondale
MTV Video Music Awards
IBM PCs
Kalter Krieg grundsätzlich

Hand aufs Herz: Hast du dich im Austauschjahr verliebt? Ins Land? Ins Essen? Oder eine Person? Was ist daraus geworden?

TexMex-Food und Desserts – immer noch oft gekocht und zubereitet

Wie hat das Austauschjahr dein heutiges Leben beeinflusst?

Das Austauschjahr als solches hat mein Leben – glaube ich – weniger beeinflusst als meine spätere Arbeit bei YFU.

Im Austauschjahr war ich sehr gut in der Familie aufgenommen, musste nicht „beissen“ oder mich irgendwo besonders durchsetzen. Ich habe während des Austausches vielleicht eine wenig andere, apolitischere, wilde Phase genossen als dann später in der Schweiz. Ich habe auch ein tieferes Verständnis für kulturelle Unterschiede (welche damals zwischen den USA und der Schweiz meines Erachtens, zumindest oberflächlich, noch grösser waren) erhalten und kann das Ausmass dieser Unterschiede besser erkennen (z.B. eben beim Umzug von Bern in den französischsprachigen Teil des Kt. Fribourg…!).

Durch die Arbeit bei YFU erhielt ich jedoch die Möglichkeit schon jung in verantwortungsvollen Positionen arbeiten zu können, in Teams zu arbeiten, grosse Events zu organisieren, konzeptionell zu arbeiten, meine Meinung vor vielen Leuten kundzutun und mich durchzusetzen, vor grösseren Versammlungen, auch aus dem Stegreif (und in verschiedenen körperlichen Verfassungen), zu sprechen – alles Skills, die ich im heutigen Familien- und Arbeitsalltag immer wieder gebrauche.

Hast du nach deiner Rückkehr als YFU-Volunteer gearbeitet? Wie lange? In welchen Positionen?

Ohne Gewähr:
1985/6-1987: Area Rep Region Bern
1987 – ca. Mitte 90er Jahre: National Events Coordinator
Ab anfangs 90er Jahre zusätzlich Trainer
Mitte 90er Jahre Trainer of Trainers und Trainer
Irgendwann um den Jahrtausendwechsel wars dann fertig mit der aktiven Arbeit.