YFU Switzerland

Wimi, USA 1977/78

Wimi verbrachte 1977/78 im US-Bundesstaat Texas. In unserem Interview erzählt Wimi, wie er eine Faszination für die Landschaft entwickelte und wie das Austauschjahr sein Leben bis heute prägt.

Wie bist du ins Austauschjahr gereist?

2 Tage nach Elvis Tod bin ich am 19.08.77 von Zürich nach Shannon, Ireland geflogen. Dort musste die Boeing 707 tanken, damit sie nachher die 7 Stunden nach Detroit schaffte. Und wir konnten 45 Minuten im Flughafen die Beine vertreten. Damals flogen alle Austauschschüler via Detroit, weil ja YFU im 45 Meilen davon entfernten Ann Arbor gegründet wurde. Ich flog das erste Mal in meinem Leben und für mich war es eigentlich eher wie ein Traum – bin das wirklich ich der da für ein Jahr nach USA fliegt?

Wir übernachteten zu viert in einem Hotelzimmer mit TV das die ganze Nacht Programm bot – das war was damals! In der Schweiz war nach Mitternacht Sendeschluss … Und der Bergbach (also die Air Condition!) hat auch die ganze Nacht gerauscht. Nach wenig Schlaf weiter nach Dallas wo mich meine Gastfamilie erwartete.

Wie war der erste Empfang in deiner Gastfamilie?

Nachdem meine Gastmutter als Area Coordinator am Flughafen alle anderen Studenten glücklich mit ihren Gastfamilien vereint hatte fuhren wir nach Hause ca. 10.30 Ortszeit. Sie zeigten mir das Haus mit Swimming Pool und dann mein Zimmer. Ich solle doch schon mal meinen Koffer auspacken und mich einrichten. Bald kam mein Gastbruder und fragte, ob ich auch ein Sandwich wolle. Ich schaute auf meine Uhr und dachte: Diese Amis – um 11:45 nehmen die noch ein Sandwich – kurz vor dem Mittagessen! So gegen 1:00 ging ich zu meiner Gastmutter und fragte, ob es denn kein Mittagessen gäbe. Ja hast Du kein Sandwich gehabt vorhin – war die Antwort. Ich kam aus einer Schweizer Familie wo jeden Mittag gekocht wurde … welcome to America!

Was war dein eindrücklichstes Erlebnis?

Ich kann mich nicht auf ein Ereignis festlegen – aber zu den eindrücklichsten Erlebnissen gehören meine Ferienreise mit der Gastfamilie im grossen Camper nach New Orleans (ich habe damals schon einen Teil meiner Seele dort gelassen!) und weiter nach Florida an den weissen Strand in Pensacola, durch die Everglades und nach Cape Canaverale und dann wieder zurück.

Ebenfalls meine Reise mit meinem Gastonkel mit dem Auto via Grand Canyon und Las Vegas nach San Francisco und zurück – mit dem Geld, dass ich mir gespart hatte weil ich nicht ans Prom ging!
Dann die vielen Konzerte: Tina Turner in einem Dinner Theater in Dallas (nur Tage nachdem sie sich von Ike getrennt hatte – habe ich später in ihrer Biographie gelesen!), Queen mit Fredy Mercury, Little Feat mit Lowell George und viele andere. Leider musste ich die Tickets zu Bob Marley (man fand Cannabis bei ihm am Zoll) und Lynyrd Synyrd (Flugzeugabsturz) wieder zurückgeben. Und natürlich die rund 40 AustauschschülerInnen aus der ganzen Welt und viele gute Parties.

Wie oft und auf welchem Weg hattest du Kontakt zu deiner leiblichen Familie während dem Austauschjahr?

Ich habe viele Briefe geschrieben, wir hatten auch Kontakt via Telex und 1-2 Mal Telefon (Fr. 8.50 pro Minute bei einem Dollarkurs von Fr. 2.50). Und dann haben sie mich besucht an Ostern und ich war darüber v.a. froh nach meiner Rückkehr in die Schweiz, weil sie mein Heimweh nach Land und Leuten besser verstehen konnten. Währenddem sie zu Besuch waren, war es ziemlich verwirrend 2 Paar Eltern zu haben – wer durfte was entscheiden …

Hast du noch Freunde aus dieser Zeit?

Ja ich habe noch guten Kontakt zu meinen Gastgeschwistern. Die Gasteltern sind 2002 und 2011 gestorben. Und ich habe auch einige FreundInnen in Texas und in diversen europäischen Ländern, Brasilien und Japan mit denen ich sporadisch Kontakt habe (heute auch via Facebook). Einige habe ich besucht oder sie mich. Ich war mehrmals zurück zu Besuch und dann gab es immer eine Reunion mit möglichst vielen.

Wie hast du im Austauschjahr die Zeit verbracht? Hattest du ein spezielles Hobby oder Schulfach?

Meine Gastmutter war Area Coordinator und so war ich oft als YFU Volunteer unterwegs. Wir wohnten Nahe bei DFW Airport und mussten jeweils StudentInnen beim umsteigen begleiten. Und wie gesagt, Konzerte und Parties organisieren war ebenfalls ein gutes Hobby. Alle kamen zu uns und meine Gastmutter brachte uns mit dem grossen Camper an den Zielort.

Welches nationale/internationale Thema hat dein Gastland während deines Austauschjahres besonders beschäftigt?

Es waren die Jahre nach Watergate und der Wechsel vom nie als Präsidenten gewählten Ford zu Carter. Lokal war wichtig dass die Dallas Cowboys den Super Bowl gewonnen haben. Wir wohnten neben dem Texas Stadium – und hatten dort auch unsere Graduation.

In Deutschland wütete die RAF und brachten mehrere Leute um bevor der Hauptkern im Gefängnis Selbstmord beging. Flugzeugentführungen gehörten auch zu dieser Zeit. Aber in den USA und speziell in Dallas hörte man kaum etwas über internationale News. Damals gab es nur den Dallas Times Herald – zwar eine grosse Tageszeitung aber internationale und sogar nationale News beschränkten sich auf wenige Zeilen.

Hand aufs Herz: Hast du dich im Austauschjahr verliebt? Ins Land? Ins Essen? Oder eine Person? Was ist daraus geworden?

Klar habe ich mich verliebt: In Marianne aus Norwegen (nach gegenseitigen Besuchen Anfang 80er leider kein Kontakt mehr), in Kiyoko aus Japan (besucht in Japan und sporadisch Kontakt – dieses Jahr dramatisch während der Erdbeben und Fukushima Zeit) und in Amy aus Deutschland (Kontakt verloren).

Und Texas: If you ain’t never been there, I guess you ain’t been told, that you can’t live in Texas unless you got a lotta soul – wie’s in einem Song von Waylon Jennings und Willie Nelson so schön heisst. Texas ist 16 Mal so gross wie die Schweiz – Dallas-Fort Worth Metroplex ist in etwa so gross wie die Schweiz. Ich war mehrmals zurück zu Besuch das letzte Mal 2010 um mich von meiner Gastmutter zu verabschieden die an Krebs erkrankt war.

Und TexMex Food liebe ich immer noch: Tacos, Tortillas, Fajitas, Guacamole, Margaritas …

Wie hat das Austauschjahr dein heutiges Leben beeinflusst?

Es hat mich sicherlich stark geprägt: Ich fühle mich immer noch zweisprachig und bin sehr interessiert an USA auch wenn ich vieles überhaupt nicht verstehe, resp. ablehne. Aber Bewegungen wie Occupy verfolge ich seit dem Beginn. Und dann natürlich die Musik gehört zu meinem Leben. Die Selbstverständlichkeit mit der ich mich mit einer Gruppe von FreundInnen während des Jazz & Heritage Festivals in New Orleans bewegte war grösstenteils wegen meinem Austauschjahr möglich. Die Eindrücke der 5 monatigen Reise 1987/88 mit dem Auto kreuz und quer durch die wunderbaren, abwechslungsreichen Landschaften sind immer noch tief in mir drin. Und reisen und Leute aus aller Welt kennen lernen ist für mich sehr wichtig. Die amerikanische Art von etwas zu riskieren oder einfach zu machen (what’s the worst thing that can happen?), gepaart mit dem schweizerischen Planen und Vorausschauen haben mich sicher immer wieder weiter gebracht in Beruf und Alltag.

Hast du nach deiner Rückkehr als YFU-Volunteer gearbeitet?

Ich bin immer noch Volunteer mit 52! Aber der Reihe nach: Ich war Area Rep in Wettingen an der Kanti, dann rund um meine Zeit an der Soz Luzern war ich Regional Director der Region Innerschweiz, dann war ich jahrelang Trainer an Workshops und die letzten Jahre bin ich (zwar immer seltener aktiv) Counsellor.