YFU Switzerland

Yvonne, Frankreich 2003/04

Wie bist du ins Austauschjahr gereist?

Ich bin mit dem Flugzeug zusammen mit Nadia (Luzern) von Zürich nach Paris geflogen. Es war das erste Mal, dass ich alleine unterwegs war, das erste Mal in einer Swiss Maschine (statt Swissair) und das erste Mal vom dazumal neu eröffneten Gate E aus.

In Paris hatten wir eine Arrival Orientation und am darauffolgenden Tag bin ich mit dem Zug nach Arras gefahren. Leider hatte ich mir 5 Wochen bevor ich ins Austauschjahr flog, meine grosse Zehe gebrochen und musste daher mit Krücken nach Frankreich reisen… Mathieu, ein dazumaliger YFU France Staff half mir meine schwere Tasche in den Bus, aus dem Bus, ins Hostelzimmer zu hieven.

Und nach einer kurzen Nacht in Paris (Kulturspiele, bateau-mouche fahren, feiern) ging’s dann am nächsten Tag in die Gastfamilie. Als ich am Bahnhof in Arras angekommen bin und die Treppe zum Bahnhofsgebäude mit meinen Krücken Stück um Stück erklimme, kommt mir eine Frau mit kurzen Haaren entgegen und meint keck: „ Mais on se connaît?!“.

Wie war der erste Empfang in deiner Gastfamilie?

„Mais on se connaît“ hat Roseline, meine Gastmutter dazumal mir als erstes gesagt. Voilà, mein Leben in meiner Gastfamilie hatte begonnen. Leicht hilflos klammerte ich mich an meinen Krücken fest und liess mich mit zwei Bisous willkommen heissen. Kleiner Apéritif mit allen Gastfamilien und dann nach Hause ins neue Heim. Bienvenue chez les Ch’tis!

Haus und Nachbarschaft zeigen, immer vorzügliches Naturjohgurt mit Zucker zur Nachspeise essen, das Joghurtdeckeli dann der Katze Hilléla zum abschlecken hinlegen und hoffen, dass Sie es dann auch wirklich ganz leer macht, und keine weissen Spuren im Wohnzimmer verteilt; dann noch ein bisschen auf dem Sofa plaudern und sich wieder mit zwei Bisous verabschieden.

Ja, diese cheiben Bisous. Meinstens zwei in Frankreich; zwischen Arras und Paris dann doch wieder vier. Oder eins. In der Schule zum Beispiel. Aber drei, so wie in der Schweiz, oft eigentlich nie. Verschiedenste Bisous-Küss-Arten können auch sehr unterhaltsam sein; vor allem wenn man nicht weiss wann aufzuhören; oder wenn die ganze 25-köpfige Grossfamilie nördlich von Paris mit vier Bisous begrüsst und verabschiedet wird.Das machte dann schnell mal 200 Mal an einem der ersten Sonntage in Frankreich.

Oder dann der wirklich allerste Sonntag meines Austauschjahres; eine eineinhalbstündige Autofahrt nach dem England gegenüberliegenden Calais. Auf der Hinfahrt entdecke ich mehrmals Carla Bruni’s erste CD, die meine Gastschwester sich im Looping anhört. „Quelqu’un m’a dit que tu m’aimais encore…“, wieder und wieder.

Und dann fahren wir an Cambrai vorbei. „Ah, les bêtises de Cambrai“, erinnere ich mich auf einmal an eine Seite in meinem Französischbuch von der Unterstufe. Und ein bisschen später kommt mir in den Sinn, dass hier in der Nähe ein Friedensabkommen geschlossen worden ist. An so viel schien ich mich noch erinnert zu haben. „Ici, il y avait le pet d’Amiens“, informiere ich meine Familie. Alle lachen schallend los. Ich kratze mich innerlich am Kopf und verstehe nur Bahnhof. Später, mithilfe eines meiner mitgeschleppten gelben Langenscheidt-Dictionnaires, schlage ich dann den Unterschied zwischen le pet und la paix nach…

Was war dein eindrücklichstes Erlebnis?

Die auwendige Administration in Frankreich kennenzulernen: Zuspätkommen in der Schule inklusive Grund auf dem Schulrektorat zu bestätigen und unterschreiben zu lassen. Rechnungen gleich beim Artz nach der Konsultation in Bar zu begleichen. Ein Arztattest (€10) mitzubringen, um an ausserschulischem Sportunterricht teilzunehmen. Oder aber der äusserst verbreitete Gebrauch von Schecks.

Eindrücklich waren auch die kontinuierlich selben Fragen der Mitschüler und neuen Teenagern, als ich sie kennenlernte: Woher kommst Du, wie alt bist Du, rauchst Du, hast Du einen Freund?

Oder auch die ewig dauernden Festessen, bei Hochzeit, Familienfesten, Zusammenkünften. Mindestens 3h30 Stunden waren bestimmt einzuplanen. Plus mindestens zwei Stunde Hin- und Rückfahrt.

Wie oft und auf welchem Weg hattest du Kontakt zu deiner leiblichen Familie während dem Austauschjahr?

– Telefon: ca. alle zwei Wochen, vor allem am Sonntagabend.
– E-Mail: von Zeit zu Zeit über meinen Yahoo-Account. Internet konnte ich in der Schule im CDI (Bibliothek) benutzen, oder zu Hause auf dem Familiencomputer. Dazumal hatten wir ein Internetforfait à 10h/ Monat.

Hast du noch Freunde aus dieser Zeit?

Vor allem Bekannte die ich ein paar Mal wieder gesehen habe. Zudem die Gastfamilie, mit welcher ich einen äusserst guten Kontakt pflege und welche ich ca. Eins bis zwei Mal pro Jahr in Frankreich oder in der Schweiz sehe. Zudem habe ich auch drei von vier weiteren Austauschschülerinnen, die in meiner Familie vor und nach mir gelebt haben, kennengelernt und sehe die Jüngste, eine Deutsche, regelmässig.

Wie hast du im Austauschjahr die Zeit verbracht? Hattest du ein spezielles Hobby oder Schulfach?

-Ich hatte ernsthaft das Gefühl, dass ich weiterhin Lateinunterricht nehmen sollte, damit ich dann in der Schweiz den Anschluss nicht verpassen würde. Viel gebracht ausser verkürzten Mittagsstunden hat es nicht wirklich. Ich konnte genauso schlecht historische Texte übersetzen wie zuvor.

– Ich machte zudem noch Fitnesskurse und habe am Stadtrennen teilgenommen; einmal die Woche besuchte ich den Klavierunterricht.

Welches nationale/internationale Thema hat dein Gastland während deines Austauschjahres besonders beschäftigt?

Im Sommer 2003 war es die „canicule“, die Hitzewelle, die ab Ende Mai bis Ende August anhielt. 37‘000 ältere Menschen mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden oder verstarben sogar; meistens wegen Vertrocknung.

– Irakkrieg: Protestierungen und Frankreich sagt „nein“.
– Schwarzenegger wird Governor in Kalifornien.
– Saddam Hussein wird gestgenommen
– Attentat im Madrider Zug
– Die EU erweitert sich von 15 auf 25 Mitglieder
– erste Homosexuelle Trauung in Frankreich
– Kopftuch-Diskussionen in Frankreich

Hand aufs Herz: Hast du dich im Austauschjahr verliebt? Ins Land? Ins Essen? Oder eine Person? Was ist daraus geworden?

Ich war ca. drei Monate mit einem Franzosen aus Lens zusammen; trotz Kontakt nach meiner Abreise, verlief sich das Ganze dann jedoch im Sand.

Ich habe mich in die Joghurt-nach-dem-Essen-Kultur verliebt und tue dies auch heute noch liebend – wenn auch nicht zwingend – gerne.

Wie hat das Austauschjahr dein heutiges Leben beeinflusst?

Reisen: Ich habe bin nach der Matura 9 Monate nach Südafrika, wo ich während sechs Monaten für ein YFU in der nähe Kapstadts gearbeitet habe. Eine unglaubliche Erfahrung. Schön, schwierig und zu empfehlen. Während meiner Ausbildung an der Hotelfachschule Lausanne, bin ich dann im ersten Praktikum nach Cape Town zurückgekehrt; im zweiten nach Beijing, wo ich einen Austauschschüler, für welchen ich Kontaktperson in der Schweiz war, wieder gesehen habe. Wärend den beiden Praktika habe ich in einem lokalen Fünfsternhotel gearbeitet.

Französisch: Ich wohne jetzt in Lausanne; arbeite, lebe und träume permanent auf Französisch.

Kulturverständis und Offenheit: manchmal sogar fast so viel, dass ich verschiedene Meinungen so gut verstehe, dass ich nicht mehr weiss, was ich eigentlich über eine bestimmte Sache oder Situation denken soll.

Hast du nach deiner Rückkehr als YFU-Volunteer gearbeitet? Wie lange? In welchen Positionen?

2004 bis 2011: über 7.5 Jahre lang
Diverse Male Lagerleiter, Yearbook 2005/06
Regional Interview Coordinator von 2004 – 2006
NEC 2006 – 2011
6-monatiges YFU-Praktikum bei YFU South Afrika (ND: Pietie Badenhorst) 2006/2007
Gastfamilie: 2004/05 für Jens aus Schweden und 2006/07 für Veronika aus der Slowakei;
Kontaktperson von Li aus China im 2004/05, Jakob (Deutschland) 2009/10 und Sydney (USA) 2011/12

Was waren die Highlights deines Austauschjahres an die du dich heute noch gerne erinnerst?

– Die französische Dusche gibt es wirklich.
Definition?: so viel sprühbares Deodorant in so wenig Zeit wie möglich auf die grösstmögliche Körperfläche zu verteilen. Sich dabei tanzend und wenn möglich singend in der Umkleidekabine zur Schau stellen.

– Das YES war fantastisch und der Hey Ya – Song von Outkast, der dazumal als Leadthema rauf und runter gespielt wurde, erinnert mich noch heute an mein ATJ.

– Mein Jahrgang gehörte zu einen der ersten, die mit Digitalkamera ausgestattet ins ATJ reisen konnten. Kein Wunder wurde ich „La Nippon“ genannt.

-In-Songs dieser Zeit:
O-Zone „Dragostae Din Tei” (Numa numa song), White Stripes “7 Nation Army”, Dido „White Flag“, Maroon 5 “This Love”