YFU Switzerland

Liliane, Schweden 1989/90

Wie bist du ins Austauschjahr gereist?

Ich flog von Genf nach Stockholm, zusammen mit Simone, einer anderen Schweizerin, die ihr Austauschjahr in Schweden verbrachte. Ich würde von meiner Gastfamilie in Stockholm am Flughafen in Empfang genommen. Vorher waren sie aber bereits bei meinen Eltern zu Besuch – und um einen Koffer von mir mitzunehmen. Sie waren in Italien in den Ferien und kamen auf dem Rückweg vorbei.

Wie war der erste Empfang in deiner Gastfamilie?

Es war ein herzlicher Empfang, aber sehr seltsam war die Situation schon. Ich bekam das Zimmer meiner Gastschwester, weil diese mit ihrem Freund in die USA umgezogen ist. Dort war alles in rosa gehalten. Nicht meine Lieblingsfarbe ;-). Aber ich schätzte es sehr, dass meine Gastfamilie von Anfang an Schwedisch mit mir sprach und ich schon nach kürzester Zeit mich sehr gut zurechtfand.

Was war dein eindrücklichstes Erlebnis?

Da gibt es einiges, was sehr eindrücklich war. Am schrägsten wohl der Besuch in der Schlachterei nach der Elchjagd. Ich war mit einer amerikanischen Austauschstudentin bei deren Grossvater zu Besuch und der nahm uns mit, um seinen Elchteil abzuholen. Schon vor dem Schlachthaus lagen der Elchkopf (ohne Geweih) und die vier Hufe. Und drinnen hing dann das ganze Fleisch, blutüberströmter Boden. Aber das Elchfleisch auf dem Tisch in den Tagen drauf war hervorragend. Genau so wie den selber gefangenen Fisch (trotz Sturz ins eiskalte Wasser) und die selber gesammelten Beeren.

Wie oft und auf welchem Weg hattest du Kontakt zu deiner leiblichen Familie während dem Austauschjahr?

Meine Mutter schickte mir einmal im Moment eine Kassette, auf der sie mir erzählte, was daheim alles passierte und wie es allen geht. Ich habe ab und zu Briefe geschrieben, aber nicht sehr oft. Und ich rief immer an, wenn ich kein Geld mehr hatte. Was von meinen Eltern auch entsprechend kommentiert wurde… Aber damals war telefonieren noch teuer und deswegen rief man nur bei wichtigen Sachen an. Wie eben Geld 😉

Hast du noch Freunde aus dieser Zeit?

Ich war grad vor zwei Wochen zu Besuch bei einer ehemaligen Schulkollegin, schreibe jedes Jahr ein Dutzend Weihnachtskarten an Freundinnen und Freunde in Schweden, und gehe alle paar Jahre vorbei, um sie zu besuchen. Das liegt aber auch daran, dass ich nach meinem Studium in der Schweiz nochmals anderthalb Jahre in Schweden war und im Büro von YFU Schweden arbeitete. Auch aus dieser Zeit habe ich immer noch viele Freunde, die ich regelmässig sehe.

Wie hast du im Austauschjahr die Zeit verbracht? Hattest du ein spezielles Hobby oder Schulfach?

In der Schule besuchte ich die gesellschaftswissenschaftliche Ausrichtung des Gymnasiums, eine Ausrichtung, die ich gerne auch hier in der Schweiz gehabt hätte. In der Freizeit begann ich Unihockey zu spielen. Nie besonders gut, aber sehr gern.

Welches nationale/internationale Thema hat dein Gastland während deines Austauschjahres besonders beschäftigt?

Für mich war es sehr speziell, dass es diverse grössere Streiks gegeben hat, die mich auch sehr direkt berührten. Eine Lehrergewerkschaft war fünf Wochen im Streik, also viel während dieser Zeit 80% des Unterrichts aus. Ich erinnere mich noch gut an den ersten Tag Schule nach dem Streik. Es war ein Freitag, mein Gastvater weckte mich zum ersten mal seit fünf Wochen wieder früh am morgen und draussen wars -30 Grad. Wenig später traten die Banken in Streik und es war nicht mehr möglich, Geld abzuheben. Das war auch recht speziell, denn irgendwann hatte niemand mehr Bargeld. Schliesslich einigten sich die Banken kurz bevor der Staat eingriff.

Hand aufs Herz: Hast du dich im Austauschjahr verliebt? Ins Land? Ins Essen? Oder eine Person? Was ist daraus geworden?

Ins Land ganz sicher, ich bin immer noch mindestens alle zwei Jahre dort, ins Essen auch – ich war einige der wenigen Ausstauschschülerinnen, die Blutpudding liebten – und auch in eine Person, unglücklich und unerwidert. Also konzentriere ich mich heute lieber aufs Essen. Ich muss immer gross einkaufen, wenn ich in Schweden bin: Blutpudding, Polarbrot, eingelegter Hering, Kalle’s Kaviar, Knäckebrot, Pepparkakor, Julmust.

Wie hat das Austauschjahr dein heutiges Leben beeinflusst?

Ich war nach meinem Austauschjahr während 10 Jahren als Freiwillige bei YFU Schweiz aktiv, anschliessend arbeitete ich anderthalb Jahre im YFU Büro in Stockholm, und schliesslich war ich sechs Jahre im Vorstand von YFU Schweiz. Und ich arbeite auch heute in einer Non-Profit-Organisation, weil ich mich weiterhin für einen sinnvollen Zweck engagieren will und nicht einfach nur arbeiten will, um meine Rechnungen zahlen zu können.

Hast du nach deiner Rückkehr als YFU-Volunteer gearbeitet? Wie lange? In welchen Positionen?

Als Freiwillige half ich mit in der Region bei den Interviews, Gastfamilienbesuche, ich war Kontaktperson für Austauschschüler, ich war auch Gastschwester. Am längsten war ich aktiv als National Event Coordinator, während rund sechs Jahren. Zudem war ich auch als Freiwillige bei einem Arrival Camp von YFU Frankreich dabei und half verschieden internationale Anlässe organisieren. Meine ganze Studienzeit war vor allem geprägt von vielen YFU Anlässen und vielen YFU Freunden.

Seit mehr als 20 Jahren werde ich gefragt, warum ich grad nach Schweden ins Austauschjahr wollte. Ich kannst heute noch nicht sagen, nur: Es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens! Heja Sverige!