YFU Switzerland

Marie-Theres, USA 1974/75

In den letzten 50 Jahren hat YFU Schweiz Tausende AustauschschülerInnen in alle Welt geschickt. Zum Jubiläum haben wir einige von Ihnen befragt. Marie-Theres berichtet von Ihrem Austauschjahr in den USA im Jahr 1974/75.

Wie bist du ins Austauschjahr gereist?

Damals konnte man von der Schweiz nur die USA als Austauschland wählen, andere Länder standen noch nicht zur Wahl. Für mich war es die erste Auslandreise in ein nicht deutschsprachiges Land.

Wir waren ca. 50 Austauschschüler aus der Schweiz, die mit einer Gruppe YFU Austauschschüler aus Griechenland von Zürich nach Detroit reiste. Der Flug war von YFU gechartert. Es waren ausschliesslich YFU Austauschschüler und Staff an Board.

Für die Flugbegleiter war dieser Flug ein riesiger Stress, da sich ja jeder Jugendliche vom Orientierungswochenende her kannte und sich miteinander unterhalten wollte. So war niemand wirklich ruhig auf seinem Sitzplatz und die Griechen sangen und tanzten Sirtaki, bis die Flugbegleiter eine ultimative Durchsage machten: Es werde erst Essen und Trinken serviert, wenn alle Passagiere sich angeschnallt auf ihren Sitzplätzen befinden. Der Erfolg war nur von vorübergehender Dauer… Nach dem Essen ging die Party im gleichen Stil wie vorher weiter.

Wie war der erste Empfang in deiner Gastfamilie?

Der Empfang war sehr herzlich. Wir hatten uns im Vorfeld einige Male geschrieben und Fotos ausgetauscht, sodass mir meine Gastfamilie schon sehr vertraut vorkam.

Da die besten Freunde meiner Gastfamilie gleichzeitig einen griechischen YFU Austauschschüler aufgenommen hatte, wurde ich gleich von 2 Familien abgeholt am Flughafen. Wir fuhren alle gemeinsam zum Frühstück ins Perkins Pancakehouse. Dort stiess ich gleich zum 1.Mal mit meinen noch limitierten Englischkenntnissen an meine Grenzen: Auf die Frage der Kellnerin „how do you like your egg?“ wusste ich vorerst keine Antwort…im Englischunterricht in der Schweiz hatte man uns solche Dinge nicht beigebracht…

Was war dein eindrücklichstes Erlebnis?

Es gab so viele eindrückliche Erlebnisse, aber das wichtigste und spannendste war wohl: in einer komplett fremden Umgebung bei 0 anzufangen, eine Beziehung zu einer neuen Familie aufzubauen und einen neuen Freundeskreis gewinnen…Freundschaften, die nach 35 Jahren immer noch bestehen.

Wie oft und auf welchem Weg hattest du Kontakt zu deiner leiblichen Familie während dem Austauschjahr?

Ich war ja noch im der Zeit vor Computer/Internet und Mobiltelefonie im Austausch. So schrieb mir meine Mutter wöchentlich einen Brief…ich antwortete meist nur einmal pro Monat. Telefoniert habe ich nur 1x zu Weihnachten. Meine ältere Schwester besuchte mich während 2 Wochen im Januar und lebte während dieser Zeit auch bei meiner Gastfamilie.

Hast du noch Freunde aus dieser Zeit?

Ja, Schulkolleginnen, die mich auch schon besucht haben. Zu einer holländischen Austauschschülerin, die in der gleichen US Stadt lebte, habe ich einen sehr regen Kontakt

Wie hast du im Austauschjahr die Zeit verbracht? Hattest du ein spezielles Hobby oder Schulfach?

Da die Lehrer der öffentlichen Schule bei meiner Ankunft für mehrere Wochen im Streik waren, wechselte ich auf meine Initiative hin in die private katholische Mädchen Highschool, die schon meine Gastmutter in ihrer Jugend besucht hatte.

Das Niveau war besser als in der öffentlichen Schule, das Schulgeld wurde mir erlassen, weil die Schule es als Gewinn empfand jemanden aus einer anderen Kultur in ihrer Schule zu haben. Ich musste als Gegenleistung Vorträge über die Schweiz halten und Französisch-Nachhilfeunterricht erteilen.

Ich war im Volleyball- und Leichtathletikteam der Schule.

Welches nationale/internationale Thema hat dein Gastland während deines Austauschjahres besonders beschäftigt?

Das Ende des Vietmankriegs..

Hand aufs Herz: Hast du dich im Austauschjahr verliebt? Ins Land? Ins Essen? Oder eine Person? Was ist daraus geworden?

Ich hatte von allem Anfang an eine sehr enge Beziehung zu meinen Gasteltern und habe sie nach meiner Rückkehr mehrmals besucht. Leider ist der Kontakt in den letzten Jahren etwas eingeschlafen.

Gegen Ende des Austausch-Jahres habe ich mich im den griechischen YFU Studenten verliebt, der bei den besten Freunden meiner Gastfamilie lebte. Die Beziehung hat das Austauschjahr fast 2 Jahre überlebt.

Wie hat das Austauschjahr dein heutiges Leben beeinflusst?

Ich bin sicher weltoffener und toleranter geworden und konnte meine Sozialkompetenz entwickeln und ausbauen. Meine Lust zu reisen und andere Kulturen kennenzulernen wurden geweckt.

Bei der Wahl meines Lebenspartners hat das Austauschjahr sicher auch eine Rolle gespielt: Er ist Auslandschweizer.

Hast du nach deiner Rückkehr als YFU-Volunteer gearbeitet? Wie lange? In welchen Positionen?

Nach meiner Rückkehr ging ich  6 Monate in die Romandie für ein Spitalpraktikum, danach machte ich eine Ausbildung als Pflegefachfrau. 5 Jahre nach dem Austauschjahr habe ich im Rahmen einer Weltreise meine Gastfamilie und Freunde zum 1.Mal wiedergesehen. Die ganzen tollen Erlebnisse und die positive Erfahrung für mein Leben wurden mir wieder bewusst.

So entschloss ich mich nach der Rückkehr von der Weltreise als Volunteer für YFU tätig zu werden. Ich arbeitete rund 15 Jahre für YFU, zuerst als area representative, später als events coordinator und zum Schluss als regional director Nordwestschweiz.

Ich habe an sehr vielen workshops teilnehmen und auch leiten dürfen (u.a. für YFU France in Paris). Dies war und ist sehr lehr-/hilfreich für meine berufliche Laufbahn und meinen Lebensweg.

Welche spannenden Geschichten hast du im Austauschjahr noch erlebt?

Die spannendsten Geschichten habe ich eigentlich erst nach meinem Austauschjahr erlebt als volunteer bei YFU, z.B. im Skilager oder während dem european year-end seminar im KUSPO in der Lenk.

Auch während meiner Zeit als regional director habe ich mit Austauschstudenten und Gastfamilien viel Schönes, aber auch Anspruchvolles und manchmal sehr konfliktreiche Situationen erleben dürfen. So fällt mir schwer, ein Erlebnis herauszupicken.

Hier aber doch noch eine Geschichte:

Vor rund 10 Jahren besuchte ich mit einer ehemaligen Schulfreundin aus dem Austauschjahr Marokko. Meine amerikanische Freundin (ex-YFU Studentin in Frankreich) ist Französischlehrerin und war 15 Jahre mit einem Marokkaner verheiratet. Sie war für eine Lehreraustauschprogramm für einige Wochen in Tanger stationiert.

Am Ende ihres Austauschprogramms habe ich sie dann besucht. Wir wohnten bei der Familie ihres Ex-Mannes in Casablanca. Es war gerade Fastenmonat Ramadan. Natürlich haben wir die Fastenzeit hautnah miterlebt. Es hat mein Verständnis für die islamische Welt gestärkt und ich kann die Sorgen und Ängste dieser Menschen viel besser verstehen.

Beeindruckt war ich aber auch von der Gastfreundschaft der Marokkaner und ihrer Toleranz anderen Kulturen gegenüber, ein unvergessliches Erlebnis!