YFU Switzerland

Susanne, USA 1970/71

Wir haben ehemalige YFU AustauschschülerInnen aus den vergangenen 5 Jahrzehnten zum Interview gebeten. Den Anfang macht Susanne, die 1970/71 ein Jahr in den USA verbrachte.

Wie bist du ins Austauschjahr gereist?

Wir waren damals 8 SchülerInnen, die an die Westküste der USA reisten. Zuerst mit dem Zug von Bern nach Hamburg, dort trafen wir mit den Deutschen und Skandinavier zusammen und wurden per Charterflug mit Zwischenhalt auf Island nach Oakland geflogen.

Dort  wurde ich in ein kleineres Flugzeug gesetzt und flog nach Orange, wo ich von meiner Gastfamilie erwartet wurde. Die hohe Temperatur und der besondere Geruch, als ich ausstieg aus dem Flugzeug, haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen bei mir.

Wie war der erste Empfang in deiner Gastfamilie?

Die Gasteltern und die drei „Schwestern“ waren alle da….und alle kleiner als ich! Sie waren offenbar genau so gespannt und neugierig auf mich, wie ich auf sie. Sie waren interessiert und halfen mir mit den sprachlichen Schwierigkeiten, was auch viel zu lachen gab. Besonders als ich fragte, ob ich eine „Dush“ nehmen könnte, waren sie etwas schockierte, aber wir konnten es klären!

Es war einfach alles toll, das sonnige Wetter, das Haus, das Auto, das Essen…ich war für’s erste mal überwältigt.

Was war dein eindrücklichstes Erlebnis?

Es gibt nicht ein Ereignis, es war der ganze Prozess, durch den ich hindurchging in diesem Jahr, der mich noch heute beeindruckt. Ich musste mich sehr intensiv mit mir und meinen Reaktionen, Gefühlen und Haltungen auseinander setzen, was mich sehr gefordert hat.

Unter anderem machte ich einen Berufsfindungsprozess durch: der hohe Drogenkonsum unter den Mitschülern und verschiedene Beobachtungen von Horrortrips an Partys überzeugten mich, dass ich eine Ausbildung machen will, um mit Drogenabhängigen arbeiten zu können. Viel später bildete ich mich in Paar- und Familientherapie weiter. Die Probleme meiner Gasteltern, die sich nach und nach zeigten, konnte ich damals nur beobachten, haben mich aber auf Athmosphärisches, Verhaltensmuster und Dynamik in Familiensystemen sensibilisiert.

Wie oft und auf welchem Weg hattest du Kontakt zu deiner leiblichen Familie während dem Austauschjahr?

Ich habe Briefe geschrieben, die damals noch eine Woche brauchten um anzukommen. So habe ich ca. einen Brief von meinen Eltern und einen von meiner Schwester pro Monat bekommen. An Weihnachten habe ich telefonieren dürfen. Es war ein sehr teures Telefon, der $ kostete Fr. 4.50.

Hast du noch Freunde aus dieser Zeit?

Ich habe sehr guten Kontakt zu einer Schulfreundin und meiner ehemaligen Soziologielehrerin. Wir sehen uns alle paar Jahre. Dieses Jahr feierten wir unsere 40 jährige Freundschaft in Chicago und N.Y.

Mit der ältesten Gastschwester telefoniere ich einmal pro Jahr.

Dann ist mir eine Schweizer Freundin geblieben. Sie war zuerst in der gleichen Strasse und Schule, hat dann Gastfamilie gewechselt.

Wie hast du im Austauschjahr die Zeit verbracht? Hattest du ein spezielles Hobby oder Schulfach?

Ich belegte alle Freifächer, die ich zu Hause nicht hatte: Drama, Speech, Student Council.

Mich interessierte alles und ich wurde sehr viel zu allen möglichen Aktivitäten eingeladen.

Die Familie hatte ein Cabin in den Bergen, wir wanderten und Freundinnen nahmen mich zu ökologischen Veranstaltungen mit.

Welches nationale/internationale Thema hat dein Gastland während deines Austauschjahres besonders beschäftigt?

Der kalte Krieg und Vietnam!

Hand aufs Herz: Hast du dich im Austauschjahr verliebt? Ins Land? Ins Essen? Oder eine Person? Was ist daraus geworden?

Mexican Food hat es mir angetan…..sehr vieles hat mich fasziniert…..he, es waren die 70iger, Woodstock war gerade um die Ecke, Women’s Lib, Free Love…..

Und ich war auch sehr kritisch, z.B. gegenüber dem Vietnam War, der Propaganda gegen die UdSR, dem frühen Heiraten, dem Dating……

Wie hat das Austauschjahr dein heutiges Leben beeinflusst?

In der Berufswahl als erstes und in meiner grundsätzlichen Haltung andern Menschen gegenüber: Das Fremde ist für mich eine Bereicherung und nicht eine Bedrohung!

Hast du nach deiner Rückkehr als YFU-Volunteer gearbeitet? Wie lange? In welchen Positionen?

Damals gab es diese Struktur noch nicht. Bei einem Aufruf zur Mitarbeit bei einem Jubiläum (1993 oder 1998 ?) meldete ich mich als Familientherapeutin und wurde Counselor, was ich seither bin. Von 1998 – 2002 war ich Board Member.

Was hast du im Austauschjahr gelernt?

Ich bin mir heute sehr bewusst, welchen positiven Einfluss mein Austauschjahr auf mein Leben hat und ich bin sehr dankbar dafür, dass es schon damals Menschen gab, die ehrenamtlich mithalfen, dass dies für mich möglich wurde.

Das gegenseitige Interesse an Menschen aus andern Kulturen hat mich unterstützt in meiner persönlichen Weiterentwicklung, mich gefordert und zu dem gemacht, was ich heute bin.

Begegnungen und Erlebnisse hatte ich enorm viele … und nur positive.

Vielen Dank für das Interview.

…in den kommenden Wochen erscheinen an dieser Stelle weitere spannende Interviews mit ehemaligen YFU AustauschschülerInnen.