YFU Switzerland

Sigrid, China 2009/2010

Wie bist du ins Austauschjahr gereist?

Ich sollte von Zürich nach Kopenhagen und von dort nach Peking fliegen. Jedoch stellte sich am Zürcher Flughafen zu meinem großen Schrecken heraus, dass der Flug nach Kopenhagen gestrichen war! Mir erschien das als ein ungünstiger Start ins Austauschjahr, aber es war dann möglich, statt über Kopenhagen über Frankfurt zu fliegen. So kam ich dann problemlos, müde und erleichtert am Pekinger Flughafen an. Das Ankommen in Peking war ein sehr wichtiger Moment für mich, weil man gleich sah, wie anders alles war, wie chinesisch, und überall waren unverständliche Schriftzeichen und Asiaten. Ich fühlte mich für mich selbst und für das kommende Jahr verantwortlich, ich fühlte mich wie vor einem leeren Blatt Papier, und ich konnte kaum erwarten, dass das Blatt gefüllt wurde.

Wie war der erste Empfang in deiner Gastfamilie?

Er war herzlich. Ich dachte, ich würde in Anshan wohnen und war dann überrascht, dass meine Gastfamilie und ich eine Stunde lang in einem Taxi saßen und in ein kleines Dorf namens Nantai fuhren, wo ich wohnen sollte. Es war eine schöne Taxifahrt. Meine Gastfamilie schenkte mir zur Begrüßung Blumen, und ich habe es mit meinen kaum vorhandenen Chinesischkenntnissen gerade so geschafft, mich für sie zu bedanken. Die Kommunikation war wahnsinnig schwierig, aber alle waren bemüht, und ich hatte sehr schnell das Gefühl, an diesem Ort zumindest ein bisschen zu Hause zu sein, auch wenn ich vier Monate später die Gastfamilie wechseln sollte.

Was war dein eindrücklichstes Erlebnis?

Es gibt nicht ein Erlebnis, das in meiner Erinnerung besonders hervorsticht, sondern es gibt viele. Ein eindrückliches Erlebnis war, als ich mir gegen Ende des Jahres einen amerikanischen Film ansah. Da ich vor meinem Aufenthalt in China nicht so viele Asiaten gesehen hatte, sahen sie für mich anfangs alle ähnlich aus. Aber als ich nach einem Jahr in China diesen amerikanischen Film sah, fand ich plötzlich, dass im Gegenteil alle Westler genau gleich aussahen. Ich war überhaupt nicht mehr in der Lage, die Personen, die in dem Film vorkamen, voneinander zu unterscheiden. Auch verlernte ich, mit Gabel und Messer zu essen. Das war sehr erstaunlich für mich, dass Dinge, von denen man denkt, dass sie so eingeprägt, so elementar sind, es plötzlich doch nicht mehr sind.

Bei meinem Rückflug von China flog ich tatsächlich über Kopenhagen. Ich verließ das Flugzeug, mit dem ich von Peking gekommen war, und war am Kopenhagener Flughafen, und Europa schwappte mir wie eine Welle entgegen. Ich konnte nicht fassen, wie unglaublich europäisch alles war – der Holzfußboden, ein Gefühl von Gemütlichkeit und Heimeligkeit, die Frisuren der Menschen, die Art, wie sie gingen und sprachen und einander begegneten. Nie habe ich Europa, meine Heimat, so intensiv und bewusst wahrgenommen wie in diesem Moment. Ich bin Österreicherin, wohne in der Schweiz und gehe in Deutschland in die Schule. Aber dieser Moment am Kopenhagener Flughafen machte mir klar, dass ich in erster Linie nicht einem bestimmten Land, sondern Europa zugehörig bin.

Wie oft und auf welchem Weg hattest du Kontakt zu deiner leiblichen Familie während des Austauschjahres?

In manchen Phasen hatten wir viel Kontakt und in anderen weniger. Wir schrieben emails, und wenn ich Schwierigkeiten hatte, wir schön länger nicht mehr miteinander geredet hatten oder an Feierlichkeiten wie Weihnachten, riefen sie mich auf dem Handy an (ich konnte mit meinem chinesischen Handy niemanden außerhalb Chinas anrufen).

Gegen Ende des Austauschjahres, im Mai, kamen meine Eltern und mein kleiner Bruder mich besuchen. Sie machten eine Chinareise und blieben ein paar Tage bei mir stehen, und ich zeigte ihnen meine Schule, mein Zuhause, meine Orte. Das war schön, weil ein Kreis sich schloss, und weil ich Dinge, die für mich mittlerweile selbstverständlich waren, mit ihnen teilen konnte.

Hast du noch Freunde aus dieser Zeit?

Ja, zum Glück! Besonders verbunden fühle ich mich den drei anderen Austauschschülern, mit denen ich in China zusammen auf der Schule war. Wir meisterten China zusammen, wir halfen und verstanden einander und gaben uns Halt. Wir waren eine dysfunktionale, aber enge Familie, wir erschufen unseren eigenen kleinen Raum, und in diesem Raum waren wir sehr frei, sehr losgelöst.

Es ist ein bisschen schwierig, mit Chinesen in Kontakt zu bleiben – viele meiner Klassenkameraden haben keine email-Adresse, und sie sind alle so beschäftigt, wie wir es uns als Europäer kaum vorstellen können. Aber vor allem mit einer chinesischen Freundin habe ich noch regelmäßig Kontakt, wir schreiben emails und Briefe und SMS, schicken uns Päckchen, telefonieren. Ich hoffe sehr, dass sie mich eines Tages besuchen kommen kann.
Ich merke auch, dass mir mein Chinajahr erleichtert hat, jetzt, zurück in der Schweiz, Freunde zu finden. Oft sehe ich irgendwo Chinesen, spreche sie an, treffe sie zum Kaffee. Weil nicht so viele Leute hier Chinesisch sprechen oder in China gelebt haben, besteht zwischen all denen, auf die das zutrifft, sehr schnell ein Gefühl gegenseitigen Verständnisses.

Wie hast du im Austauschjahr die Zeit verbracht? Hattest du ein spezielles Hobby oder Schulfach?

Hauptsächlich lernte ich Chinesisch, was zeitaufwändig war und mir Spaß gemacht hat. Die anderen Austauschschüler (aus Ecuador, Thailand und Berlin) und ich gingen oft in unserem Lieblingseinkaufszentrum Eislaufen, was eigentlich huabing heißt, wir aber immer „huahuabingzi“ nannten. Manchmal bekamen wir in der Schule auch klassisch-chinesischen Malunterricht und durften uns ein bisschen an Kalligraphie versuchen.

Welches nationale/internationale Thema hat dein Gastland während deines Austauschjahres besonders beschäftigt?

Von Nachrichten bekam ich nicht viel mit. Die Schüler an meiner Schule hatten von 6:00 bis 20:00 (manchmal auch 22:00) Uhr Unterricht, von Montag bis Sonntag, und mussten in der Schule übernachten. Daher hatten sie nicht viel Zeit, sich mit Nachrichten zu beschäftigen, und bei meiner Gastfamilie liefen auf dem Fernseher immer kommunistisch-propagandistische Militärsoaps, in denen tapfere Chinesen gegen blutrünstige Japaner kämpften. Sicher gab es in dem Jahr Themen, die China beschäftigten, aber bis zu uns in den provinziellen Nordosten scheinen sie nicht vorgedrungen zu sein. Man kann sich in China schon sehr weit weg von allem vorkommen.

Hand aufs Herz: Hast du dich im Austauschjahr verliebt? Ins Land? Ins Essen? Oder eine Person? Was ist daraus geworden?

In Lärm, in Dreck, in Unperfektes. In Xiaolu Guos Roman 20 Fragments of a Ravenous Youth, der von einer 17-jährigen Bauerntochter namens Fenfang und ihrem neuen Leben in Beijing erzählt und den ich in China las, kehrt Fenfang am Chinesischen Neujahr zu ihren Eltern aufs Land zurück. Dort sieht sie aus dem Fenster und denkt: „I suddenly missed the cruel Beijing life. I missed my insecurity. I missed my unknown and dangerous future. Heavenly Bastard in the Sky, I missed the sharp edges of my life.“ So fühle ich mich bezüglich China. In diese scharfen Kanten, und in die Intensität, die sie hervorrufen, verliebte ich mich.

Wie hat das Austauschjahr dein heutiges Leben beeinflusst?

Ich brauche Lärm. In China war es immer so unglaublich laut; es war kein von Autos, sondern ein von Menschen produzierter Lärm – Gekeife, Geschreie, Gezetere. Die ersten paar Monate konnte ich kaum schlafen. Aber jetzt brauche ich Lärm, und diese undurchdringliche Ruhe in der Schweiz verunsichert mich.

China ist immer anwesend für mich. Völlig zusammenhanglos erinnere ich mich plötzlich an ein Gesicht, ein Gewürz, eine Stimmung oder eine Aussage. Mein Austauschjahr fühlt sich für mich noch längst nicht abgeschlossen an, weil ich immer weiter daran anknüpfe.

Die Nachrichten, Zeitungen, unser Geschichtsunterricht, sind voll von China. Ich ging nach China, weil China immer so riesig wirkte, so vage, so schwer erfassbar. Jetzt denke ich bei China nicht mehr an die Verbotene Stadt, Süß-Sauer-Sauce (die ich im ganzen Jahr kein einziges Mal sah) oder wirtschaftlichen Aufschwung, sondern ich denke an Konkretes, Vertrautes. Ich denke daran, dass ich immer zur gleichen jungen Frau ging, um mir für umgerechnet 70 Rappen eine Maniküre machen zu lassen, und wie sie mir einmal Ohrringe schenkte und wie sehr mich das freute. Daran, wie ich mit meiner Gastfamilie jiaozi (gefüllte Teigtaschen) machte und sie mich zuerst auslachten, weil ich es nicht ganz auf die Reihe kriegte, und nach einiger Zeit lachten sie mich dann nicht mehr aus. Ich denke an die Großeltern, die ohne Toilette auf dem Land lebten, an den immergrauen Himmel, an den Sportunterricht mit meinen Mitschülern, bei dem alle lustlos und synchron in der Gegend herumhüpften.

China ist jetzt also sehr greifbar und ummittelbar für mich. Und ich freue mich über die Demokratie hier. Nicht jede zweite Website ist hier gesperrt und es werden einem nicht plötzlich an den Haaren herbeigezogene Dinge verboten, wie z.B. sich auf eine Bank zu setzen.

Doch ich musste mich, um mich an China zu gewöhnen, vom Westen distanzieren, und diese Distanz konnte auch nach meiner Rückkehr in die Schweiz nicht ganz überbrückt werden. Ich fühle mich sowohl dem Osten als auch dem Westen verbunden und verpflichtet, von beiden Orten bin ich geprägt, aber weder dem einen noch dem anderen kann ich vorbehaltlos und allumfassend zustimmen.

Hast du nach deiner Rückkehr als YFU-Volunteer gearbeitet? Wie lange? In welchen Positionen?

Seit ein paar Monaten arbeite ich als Volunteer. Bis jetzt habe ich erst Interviews durchgeführt und China am Choose Your Country Day vorgestellt, aber ich hoffe, in der Zukunft noch mehr tun zu können. Wenn man andere Austauschschüler trifft, hat man manchmal das Gefühl, dass es kaum einen Unterschied macht, an was für einem Ort man war, weil viel Erfahrungen so universell sind. Gleichzeitig kann man seine eigenen, länderspezifischen Geschichtchen mit den anderen teilen, und das ist sehr schön.

Platz für deine Bemerkungen oder spannenden Geschichten aus dem Austauschjahr:

Algensalat mit meiner Familie. Danach gurken wir in einem Bus durch die Landschaft auf dem Weg zu den Großeltern in ihr winziges Dorf. Dort vermisse ich die Zivilisation, fühle mich China gleichzeitig aber auch näher als sonst. Ich laufe durch die Gegend und alles ist grau und kahl und schön. Nachts schlafen wir alle gemeinsam auf dem kang, einer Art Bett, geheizt und steinhart, und die ganze Zeit bin ich seltsam gerührt, weil das ein China ist, das ich anders nie kennengelernt hätte. Und es ist ein China, das bleiben wird, egal wie viele Häuser in dem Land abgerissen und neu gebaut werden.