YFU Switzerland

Nathalie, Ungarn 2000/2001

Wie bist du ins Austauschjahr gereist?

Mit der ungarischen Fluggesellschaft Malev ging die Reise von Flughafen Kloten los. Mit 20 kg Gepäck und einem Bündel ungarischer Wörterlisten (wie vor einer Prüfung versuchte ich mir vor der Ankunft noch ein paar Floskeln einzuprägen) flog ich über über den Voralberg, über Linz, Wien, bis zum Plattensee nach Budapest. In Luftlinie gemessen waren dies 790,397 km. Ich freute mich sehr auf den Wilden Osten, dessen Anziehungskraft ausser in meiner kleinen Umgebung ausser mir niemand verspürte.  „Warum gehst Du nicht nach Amerika? “In Australien würdest Du wenigstens Englisch lernen…“ Viel lieber wollte ich aber eine Sprache lernen, von der man sagt, dass ihr sogar der Teufel grossen Respekt entgegen bringt.

Wie war der erste Empfang in deiner Gastfamilie?

In Ungarn waren Ende August immer noch Schulferien, und meine Gasteltern verbrachten die letzten Hundstage auf einer kleinen Donauinsel, unweit von Szentendre, einer kleinen Künstlerstadt, welche für ein Jahr mein neues zu Hause wurde.

Der Empfang war herzlich: Meine Gasteltern boten mir ein kühles Getränk an, und führten mich um die Insel. Meine kleine Gastschwester, Eva, nahm mich am Arm und führte mich, als wäre ich nun ihren „Freitag“, zu Sandbänken und Badestellen. Sie nannte mich „Natty“, ein Kosenamen, welcher im Laufe des Austauschjahres mein neuer Rufnamen werden sollte.

Was war dein eindrücklichstes Erlebnis?

In Erinnerung geblieben ist mir beispielsweise der YFU-Ausflug nach Debrecen, in die zweitgrösste Stadt Ungarns, die nicht weit von der rumänischen Grenze liegt. Die Austauschschüler waren bei einer ungarischen Familie, deren Tochter ein Austauschjahr in Deutschland verbracht hatte, zu einem Mittagessen eingeladen worden.

An die Behausung kann ich mich gut erinnern: Der Boden im Eingang war nur gestampfte Erde und die Kinder sprangen barfuss herum. In der Luft hing der Geruch von Armut und die Möbilierung des Hauses war spärlich. Am Haus fuhren Pferd und Wagen vorbei, Zigeunerkinder waren die Könige der Strasse. Wir assen eine kalte Fruchtsuppe. Man erzählte sich von den ersten Eindrücken Ungarns während der erste Monaten. Bei der Rückkehr nach Budapest dachten wir wohl alle dasselbe: Privilegiert zu sein, in der Landeshauptstadt oder im Westen Ungarns zu leben.

Wie oft und auf welchem Weg hattest du Kontakt zu deiner leiblichen Familie während dem Austauschjahr?

Schon vor meiner Abreise nach Ungarn hatte ich mit meinen Eltern vereinbart, den Kontakt möglichst a minima zu halten. Es war im Interesse beider Seiten, der neuen Herausforderung des Getrenntseins zu begegnen. Der monatliche Austausch reduzierte sich auf Emailkorrespondenz und Briefverkehr. Zu Weihnachten schickten wir uns Geschenke. Weihnachtsguetzli aus Solothurn – und „Szaloncukor“ aus Szentendre (in Glitzerpapier eingewickelte Schokoladebonbons, welche man in Ungarn an den Weihnachtsbaum hängt).

Hast du noch Freunde aus dieser Zeit?

Erstaunlicherweise blieben die Kontakte sehr gut aufrecht erhalten. Zum einen gab es ungarische Schulfreunde, die mir nach dem Austauschjahr weiterhin treu blieben, zum anderen habe ich über die Social Networks in „Vergessenheit geratene Freunde“ wieder gefunden und kontaktiert.

Wie hast du im Austauschjahr die Zeit verbracht? Hattest du ein spezielles Hobby oder Schulfach?

Ungarn gehörte zu denjenigen Gastländern, welche den Austauschstudenten ein Förderungsprogramm in Musik anbieten konnte.  Als passionierte Cellistin erhielt ich in Ungarn die einmalige Chance, nebst des obligatorischen Schulunterrichts, eine erstklassige musikalische Ausbildung zu erhalten. An der Musikschule in Szentendre nahm ich Cellostunden. Für den Solfègeunterricht fuhr ich 2x wöchentlich nach Budapest, wo auf Prüfungen gedrillt wurde. Auch wenn ich zeitweise,- entmutigt durch den Vergleich mit den viel jüngeren, hochambitionierten Musiktalente meiner Klasse – das Cellospiel am liebsten aufgegeben hätte, so war es dennoch ein leidenschaftliches Hobby, welches, war die kleine Frustration einmal überwunden, mich immer mehr in seinen Bann zog.

Welches nationale/internationale Thema hat dein Gastland während deines Austauschjahres besonders beschäftigt?

Zur Zeit als ich im Austausch war, stand bereits Viktor Orbán (1998-2002), der heutige Regierungschef Ungarns, an der Spitze des Landes.Meine Gasteltern waren sehr unzufrieden mit seiner Politik. Zum Glück wussten sie damals noch nicht, dass er acht Jahre später wieder im Amt sein sollte.

Hand aufs Herz: Hast du dich im Austauschjahr verliebt? Ins Land? Ins Essen? Oder eine Person? Was ist daraus geworden?

Hungarian Love – ein Phänomen, das alle möglichen Bereiche betraf. Durch die Liebe zur Sprache entwickelte ich auch eine tiefe Liebe zur Kultur und zu den ungarischen Menschen. Ich war verrückt nach ihren Wörtern, zum Beispiel nach dem „jó” (zu Deutsch: gut), das wie das schweizerdeutsche jo – ja tönte.

Ich beneidete die Ungarn um ihr tiefes Geschichtsbewusstsein. Sie wussten einfach alles über ihr Land. Jahreszahlen, Heldengeschichten, Opferzahlen und Niederlagen, und es gab immer gleich zwei Versionen davon. Eine offizielle und eine inoffizielle.

Die Ungarn waren aber auch sehr bewandt in Geschichte anderer Nationen. Der Entstehungsmythos der Schweiz hat mir ein ungarischer Mitschüler erzählt. Er schilderte mir die Heldentat von Wilhelm Tell in einer solchen Detailtreue, als ob er beim Apfelschuss selber dabei gewesen wäre.

Meine Liebe zu diesem Land war und ist einfach allumfassend und ich betrachte Budapest noch heute als meine 2. Heimat.

Wie hat das Austauschjahr dein heutiges Leben beeinflusst?

Das Austauschjahr in Ungarn war für meine spätere berufliche und private Weiterentwicklung richtungsweisend. Es war meine eigentliche erste „internationale“ Erfahrung. Durch regelmässigen und engen Kontakt zu den anderen Austauschschülern, aber auch zu Ungarn und den Menschen vor Ort erwachte meine Neugierde für fremde Sprachen und Kulturen.

Nach der Matura studierte ich an der Universität Basel „Osteuropastudien“ und lernte zusätzlich zum Ungarisch auch noch Russisch. Meine Seminararbeiten widmeten sich politischen Fragestellungen zu Ungarn. Zum Zwecke von Forschungsarbeiten verbrachte ich jeweils einige Wochen pro Jahr in Budapest.

Heute stehe ich kurz vor dem Eintritt in den diplomatischen Dienst und bin überzeugt, dass das Austauschjahr die Weichen für diesen beruflichen Werdegang gestellt hat. Meine Wunschdestination als Diplomatin? Natürlich Osteuropa.

Hast du nach deiner Rückkehr als YFU-Volunteer gearbeitet? Wie lange? In welchen Positionen?

Nach meiner Rückkehr aus Ungarn habe ich bei YFU vorerst „pausiert“. Erst mit der Aufnahme meines Studiums begann ich mich wieder für YFU zu engagieren. Ich leitete während den Semesterferien den Deutschintensivkurs für Austauschschüler, welche gerade in der Schweiz angekommen waren. In Zusammenarbeit mit einem anderen Deutschlehrer aus Winterthur habe ich die Kurse dreimal hintereinander geleitet. Mit den Schüler und Schülerinnen habe ich bis heute noch Kontakt und wünsche mir, einmal im Rahmen einer Weltreise, sie alle zu besuchen.