YFU Switzerland

Daniel, USA 1971/72

Wie bist du ins Austauschjahr gereist?

Wir waren damals etwa 25 Schülerinnen und -schüler aus Schweizer Gymnasien, die sich für ein Austauschjahr in den U.S.A. entscheiden hatten. Von Zürich flogen wir nach Paris, wo wir zusammen mit einer Gruppe aus Frankreich und den Benelux-Ländern in einem Charterflug weiterreisten nach Detroit. Dort wurden wir abgeholt und zuerst im Saginaw Valley College in der Nähe des damaligen YfU-Headquarters in Ann Arbor, Michigan einquartiert. Zwei Tagen wurden wir dort auf unser Jahr in einer amerikanischen Familie und an einer High School vorbereitet.

Wie war der erste Empfang in deiner Gastfamilie?

Meine Gastfamilie holte mich in Saginaw ab und wir fuhren mit dem Auto die rund fünf Stunden bis nach South Bend, Indiana. Unterwegs, beim obligaten Stopp in einem Drive-In Restaurant, ass ich bereits meinen ersten Big Mac mit French Fries. In South Bend angekommen, kam noch am gleichen Abend die ganze nähere Verwandtschaft zu Besuch, um den Boy aus Switzerland zu besichtigen. Ich fühlte mich sogleich gut aufgenommen und integriert.

Was war dein eindrücklichstes Erlebnis?

Beeindruckt hat mich die – wenn auch vielleicht manchmal etwas oberflächliche – Gastfreundschaft der Amerikaner. Als wir in Florida in den Ferien waren, erinnerte sich die Mutter plötzlich an eine ehemalige Kollegin, die sie seit der Schule nicht mehr gesehen hätte und die jetzt in Florida wohne. Man beschloss, spontan einen Besuch abzustatten. Die Kollegin hatte inzwischen selber eine Familie und diese war gerade im Begriff, in die Ferien zu verreisen. Das hinderte sie nicht daran, uns zum Essen und Übernachten einzuladen, und als sie am folgenden Tag abreisten, überreichte sie uns einfach den Hausschlüssel, “für den Fall “dass wir noch paar Tage bleiben möchten”!

Wie oft und auf welchem Weg hattest du Kontakt zu deiner leiblichen Familie während dem Austauschjahr?

Abgesehen von der Briefpost gab es damals nur das Telefon (fest installiert im Wohnzimmer). Alle zwei Monate telefonierten wir 3 bis 5 Minuten, wobei jedes Familienmitglied eine Minute Redezeit zu gute hatte. Man muss sich vorstellen: Ein Anruf Schweiz-Amerika kostete damals rund fünfzig Franken pro Minute – das würde etwa heutigen Fr. 200.- entsprechen!

Hast du noch Freunde aus dieser Zeit?

Ich pflege noch regelmässigen Kontakt mit den Angehörigen meiner Gastfamilie. Bei Reisen in die U.S.A. gehe ich sie auch besuchen. Daneben habe ich gelegentlichen Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen aus der High School.

Wie hast du im Austauschjahr die Zeit verbracht? Hattest du ein spezielles Hobby oder Schulfach?

Die Schule stand natürlich im Mittelpunkt, mit allen damit verbundenen Aktivitäten. Der Sport spielte eine sehr grosse Rolle. Aktiv machte ich mit im Cross Country und im Track Team. Basketball war die grosse Sache in Indiana – selbstverständlich begleiteten wir unser Schulteam an jedes Spiel.

Daneben pflegten wir regen Kontakt unter den Austauschschülern in der Gegend. Eine ausgezeichnete Gelegenheit, Leute nicht nur aus Europa, sondern auch aus Ländern Zentral- und Südamerikas, Australien, Japan und den Philippinen kennenzulernen.

Welches nationale/internationale Thema hat dein Gastland während deines Austauschjahres besonders beschäftigt?

1972 war ein Präsidentschaftswahljahr – eine ausgezeichnete Gelegenheit, diesen Vorgang im Land direkt mitzuerleben.

Das zentrale Thema des Landes war aber der Vietnamkrieg. Zahlreiche meiner Klassenkameraden mussten damit rechnen, nach Abschluss der High School für den Militärdienst eingezogen und möglicherweise nach Vietnam in den Krieg geschickt zu werden.

Hand aufs Herz: Hast du dich im Austauschjahr verliebt? Ins Land? Ins Essen? Oder eine Person? Was ist daraus geworden?

All oft the above.
Land und Leute mag ich auch heute noch sehr, die saftigen Steaks auch! Mein High School Sweetheart habe ich aus den Augen verloren …

Wie hat das Austauschjahr dein heutiges Leben beeinflusst?

Ich habe gelernt, andere Länder und deren Bevölkerung nicht einfach aus Büchern, Filmen oder als Tourist kennenzulernen. Erst wenn man mit den Leuten in einem fremden Land gelebt hat, kann man sie verstehen. Dabei soll man durchaus kritisch sein dürfen. Es hat mich aber auch selbstkritischer gemacht und sicher geholfen, dass ich selber weniger Vorurteile habe.

Hast du nach deiner Rückkehr als YFU-Volunteer gearbeitet? Wie lange? In welchen Positionen?

Zuerst war ich als School und Area Representative tätig. Anschliessend arbeitete ich während dem Studium im National Staff mit als Organisator von Orientation Weekends, Anlässen, Skilagern mit den ausländischen Exchange Students und als Herausgeber der Swiss YfU Press. Später war ich ein paar Jahre Mitglied und Chairman des Boards.

Ein Austauschjahr ist eine ausgezeichnete Gelegenheit für einen jungen Menschen, seinen Horizont zu erweitern. Ich kann es allen bestens empfehlen.