YFU Switzerland

Ekskursija pa Liepāju

Der Wecker riss mich am 14. Oktober um 4:45 Uhr aus dem Schlaf. Aufstehen war angesagt, ein Tag voller neuer Eindrücke stand bevor. Ich hatte gefühlte zwei Stunden geschlafen und wurde nur von der Angst aus dem Bett getrieben, den Bus und somit einen weiteren wundervollen Tag meines Austauschjahres zu verpassen. Darauf bedacht, möglichst keinen Lärm zu verursachen, vertrödelte ich die Hälfte meiner eh schon knapp berechneten Zeit. Aufs Frühstück musste ganz verzichtet werden; aber normalerweise esse ich auch nicht mitten in der Nacht Frühstück;)

Unser Ausflug sollte uns nach Liepāja führen, eine Stadt am Meer im Westen Lettlands. Am Meer herrscht immer eine leichte Brise; im Sommer geschätzt, im Herbst verwünscht. Das war sich auch meine Lehrerin bewusst und instruierte mich schon Wochen im Voraus. Sie schien vergessen zu haben, dass ich aus der Schweiz und nicht aus Thailand komme. Ein bisschen was vertrage ich schon;) Doch ihre mütterliche Fürsorge rührte mich zutiefst, in der Schweiz sucht man sowas vergeblich. Um ihren Anforderungen gerecht zu werden, zog ich natürlich meine wärmsten Sachen an. Da wusste ich noch nicht, was auf mich zukommen würde. Aber zuerst eilte ich im Laufschritt zur Bushaltestelle. Ich war froh, mich dick eingepackt zu haben, so früh morgens sind die Temperaturen meist um den Nullpunkt.

Um 6.00 Uhr erreichten wir die Schule. Ich war noch nie so früh morgens in der Schule gewesen, auch in der Schweiz nicht, niemals. Eine halbe Stunde zu früh; aber ich sagte mir, ich muss der immer pünktlichen Schweizerin gerecht werden. Einige Zweifel kamen auf, als zum verabredeten Zeitpunkt noch niemand in Sicht war. Die verschwanden, als einige gemütlich angeschlendert kamen. Das finde ich das Schöne hier: Es wird nicht mit dem Finger auf dich gezeigt, wenn man mal zu spät kommt. Ist sogar auch mir schon passiert. Diejenigen, die mich kennen wissen, dass ich eigentlich nie zu spät bin; ich gehöre zu der Gruppe, die immer zu früh da ist um ja nicht zu spät zu kommen. Aber man kann nie wissen, wie viele Leute sich entscheiden, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren und so einen kleinen Teil zum grossen, allmorgentlichen Stau betragen.

Unser Bus kam eine halbe Stunde zu spät. Währendessen unterhielt ich mich ein bisschen mit meiner Lehrerin. Sie spricht nur und ich (damals) noch nicht wirklich lettisch, so war unser Gespräch von einfacher Natur. Als erstes kontrollierte sie, ob ich auch genug warm angezogen war. Das machte sie an diesem Tag bestimmt tausend Mal. Ich glaube, am Schluss fror sie mehr als ich;)

Der Bus war…anders. Leichter Fahrwind am Fensterplatz, keine Heizung und die Ausstattung bestimmt 20 Jahre alt. Dreieinhalb Stunden dauerte die Fahrt; es war kalt und nicht wirklich bequem. Ich habe es geliebt! Solche Momente vergisst man nicht. Im Bus erfuhr ich dann, dass wir etwas „aktives“ machen werden. Über die Bedeutung des Wortes „aktiv“ wurde ich mir im Klaren, als der Bus vor dem Gefängnis hielt. Ich hatte mir vorgenommen, soviele Fotos wie möglich zu schiessen; Handy, Schlüssel und Schmuck mussten am Eingang abgegeben werden. (Aus den Fotos wurde nichts.) Zum Gefängnis: Es ist ein ehemaliges Gefängnis, welches jetzt als Museum dient. Es werden „aktive“ Führungen angeboten um das Gefangensein zu Sowjetzeiten am eigenen Leib mitzuerleben.

Ich würde unsere Führung nicht als was „aktives“ bezeichnen. Es kam einer Folter gleich. Mucksmäuschenstill, beide Füssse direkt hinter der weissen Linie, den Blick immer starr nach vorne gerichtet und die Arme hinter dem Rücken verschränkt standen wir da, während ein Soldat langsam an uns vorbeilief und uns ausführlich musterte. Hier und da fragte er etwas; ich hoffte nur, dass er mich nichts fragen würde, da ich wahrscheinlich nichts verstanden hätte. Als er an mir vorbeilief hielt ich die Luft an, aus Angst, irgendein Geräusch zu machen. Glaubte er auch nur das geringste gehört zu haben, folgten sehr unangenehme Kollektivstrafen. Toms zu meiner Rechten versuchte mir leise alles zu erklären; manchmal war er nicht schnell genug und die ganze Oberstufe musste meinetwegen leiden. Nach dem anfänglichen „Du kannst mich mal ich mach da sicher nicht mit“-Gefühl folgte Resignation. Diese wich einem Gemeinschaftsgefühl, dass sich so einfach nicht erklären lässt. Man spürt den Sog des kommunistischen Gedankengutes, der totalen Gleichheit. Und diese totale Gleichheit fühlt sich extrem gut an. Sie gibt jedem das Gefühl, gebraucht zu werden. Jeder Einzelne ist ein unentbehrlicher Teil der Gemeinschaft.  Die „aktive“ Führung fing an Spass zu machen und als sie endete, war ich beinahe enttäuscht. Es ist beängstigend, wie schnell man einem solchen Sog verfallen kann und wiederstehen ist eigentlich unmöglich. Auch in der heutigen, scheinbar aufgeklärten Welt ist man dagegen nicht immun und was daraus entsteht, muss ich wohl nicht erwähnen. Es gibt nur all zu viele traurige Beispiele dafür.