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Schule auf lettisch

Heute finde ich endlich die Zeit, es mir auf dem Sofa gemütlich zu machen und in aller Ruhe in meinem Blog zu schreiben. Im vorherigen Beitrag habe ich einige Ereignisse erwähnt, die ich nun gerne etwas vertiefen möchte. Manches ist schon eine Weile her, doch ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen.

Mein erster Schultag

In Lettland ist es üblich, dem Lehrer am ersten Schultag Blumen zu schenken. Man kauft sie nicht, man pflückt sie selbst, sei es jetzt im eigenen Garten oder bei jemandem anders. Ich fand im Garten meiner Gastfamilie drei gelbe Orchideen, die ich am zweiten September meiner Lehrerin mitbrachte. (Der erste September ist ein Feiertag, darum begann die Schule erst am Dienstag.) Und jeder trägt an diesem Tag seine schönsten Kleider. Auch kein Problem für mich, dachte ich zumindest. Da wusste ich noch nicht, dass offene Schuhe, kurzärmlige Bluse und kurzer Rock in dieser Jahreszeit in Lettland ein heikles Unterfangen sind. Ich merkte das, als es anfing so heftig zu regnen, dass mein Gastvater und ich in einem Türrahmen Schutz suchen mussten (er brachte mich zur Schule an diesem Tag). Und der Termometer sank und sank und mir wurde immer kälter und kälter.

Das Schuljahr begann mit einem Gottesdienst im Dom, die Verbindung lässt sich im Namen der Schule Rīgas doma kora skola  (Rigaer Domchorschule) erahnen. Beim Einzug halten die Abschlussklassen die Erstklässler an der Hand und beim Altar werden sie von der Direktorin in Empfang genommen. Ein sehr schönes Ritual. Es war mein erster katholischer Gottesdienst auf lettisch; verstanden habe ich eigentlich nicht viel, aber ich kenne den Ablauf eines katholischen Gottesdiensts. Die Lesungen verbrachte ich mit dem Studieren der deutschen Inschriften an den Wänden. Das ist etwas, was mir sehr früh aufgefallen ist: Du kannst nicht durch Rīga schlendern, ohne nicht irgendwo der deutschen Sprache zu begegnen. Aber ich habe gelernt, dass es besser ist, nicht zu zeigen, dass man deutsch spricht; ich kann auf die nett gemeinten aber ziemlich langweiligen und eintönigen Unterhaltungen (Was hat dich hierher verschlagen?) verzichten. 

Nach dem Gottesdienst sollte eine Veranstaltung im Hof der Schule stattfinden, aber die fiel wegen Regens ins Wasser. So drängten sich alle in die kleine Eingangshalle, mich eingeschlossen. Jeder redete mit jeden, jeder schien jeden zu kennen. Ich kam mir ein bisschen fehl am Platz vor. Doch dann kam Krīstine (das Mädchen für alles in der Schule) und stellte mir in diesem Durcheinander drei Mitschüler vor, meine Stimmung kehrte schlagartig. Sie waren (sind es immer noch) so freundlich und hilfsbereit, dafür bin ich ihnen extrem dankbar.

Es folgte eine allgemeine Information der Klassenlehrerin und da lernte ich auch die übrigen Mitschüler kennen. Die meisten Namen hatte ich nach fünf Minuten wieder vergessen, aber das schien niemandem was auszumachen. Bei dieser ersten Schulstunde kam in mir auch die Frage auf; Soll ich mitlachen oder nicht? Ich verstehe die Witze ja nicht, möchte aber auch nicht als humorlos gelten. Solche Fragen werden noch einige mehr auftauchen, aber die werden sich beantworten, sobald ich die Sprache beherrsche, da bin ich zuversichtlich.

Der erste Schultag endete für mich ziemlich früh; bereits um 14:00 Uhr war ich wieder zuhause. Dort taute ich langsam wieder auf.  Am Nachmittag machten wir einen Ausflug nach Jūrmala. Der Strand und die Promenade mit den kleinen Geschäften ist einfach wundervoll. Es herrscht keine Hektik und läd zu einem Spaziergang ein. Ich hatte mir dafür eine lange Hose und einen Pullover angezogen und es schien eine gute Entscheidung gewesen zu sein. Bis die Sonne kam, dann wurde es zu warm. Auch gut einen Monat später bin ich nie passend angezogen. Einmal zu warm, einmal zu kalt, aber ich habe immer eine Regenjacke und einen Regenschirm dabei. In Lettland weiss man nie.20150901_143419